Spaltet die Religion die Welt?

Spaltet die Religion die Welt?

So der Titel der Sendung “Maischberger” am 14.06.2017. im Ersten Deutschen Fernsehen

Ein Kommentar von Ralph Baumann

Verstörende Vielfältigkeit der Äußerungen und Haltungen bei hoher Temperatur im Studio und hoher Intelligenz der Anwesenden bemächtigten sich meiner inneren Ausgeglichenheit und Ruhe, die ich als Philosoph zu diesem Thema empfinde. Es ist ja auch kurz vor der politischen Sommerpause. Und es gibt ja derzeit nun wirklich kein wichtigeres Thema! Wir befinden uns immerhin in einer Zeit heftigster Religionskriege, rund um die Welt, und wir sind alle Beteiligte und Betroffene.

Unmittelbar Leidtragende? Ja, aber diese gibt es im “Westen” tatsächlich eher selten, eben durch jene Terroraktionen, die aus unseren Mitmenschen Hinterbliebene machen und die in unsere Wohnzimmer gespült werden – Opfer und Täter in meinem Wohnzimmer! Kein Mitleid! Es ist ein Mitgefühl, ein Einfühlen, das sich im Perzipienten, also dem Interpreten des gegenständlich Wahrgenommenen wiederfindet. Deshalb scheinen sich, eine allgegenwärtige Bedrohung, eine mit ihr einher kommende Angst und eine Art virtuelle Betroffenheit, wie dunkle, schwere Schatten über die Häuser Europas zu legen.

Mein Haus blieb bislang davon verschont. Das des Heiner Geißlers ebenso, so scheint es. Die Luft in meinem Himmel scheint glasklar und rein. Die Sorgen allerdings trage ich – wie Heiner Geißler – mit. Diese Angst und Sorge war bei allen Beteiligten der Diskussion deutlich zu spüren. Und diese Erscheinung wiederum bereitet mir nun auf neue Weise Sorgen. Das sind unaussprechliche Sorgen und, wir ahnen es, sie haben mit unseren Urängsten zu tun.

Mittelbar Beteiligte? Ja, das sind wir leider alle, überall und jeden Tag. Aus systemischer Hinsicht können wir dieser Anteilhabe nicht ausweichen. Auch ein pazifistischer Atheist, der, vegan ernährt, seine Schrebergärten beackert, Fahrrad fährt und Hanfschuhe trägt, kann diese mittelbare Beteiligung nicht einfach abschirmen. Das wesentliche Merkmal dieser mittelbaren Beteiligung ist der unmittelbare Kontakt, in den wir per natura zu unseren Mitmenschen treten müssen! Dort geschieht Betroffenheit, dort geschieht Mitgefühl, dort geschehen Liebe, Trauer, Freude. Verzichteten wir auf jeglichen Kontakt, stürben wir elendiglich.

Nun scheinen sich technische Lebensweisen einzubürgern, die eremitische Züge haben: meine heile Welt unter meinem Dach, mein e-mobile, mein TV, meine App, mein online-shop. Da sehen wir die Mittelbarkeit in all ihren Facetten. Und wir sehen die mittelbare Beteiligung. Allerdings sehen wir auch die Blasen, in denen wir alle leben. Meditation, nicht Religion, egal welcher Art, erfährt in der westlichen Welt gerade eine Renaissance. Dieser Hype verrät das Problem des isolierten Narzissten.

Insofern spaltet also die Religion die Welt in eine unmittelbare und eine mittelbare.

Ein Kurzkommentar meiner Frau, mit der ich während dieser Sendung chattete, der in der Kraft seines Bildes unübertrefflich ist, lautete: Religion ist wie ein Neoprenanzug.

Meine Literaturempfehlung zu diesen Themen lautet:
“Die Mitte ist überall” mit dem Untertitel: “Die Sprache von Mythos, Religion und Kunst”, Joseph Campbell, 1986 by Harper & Row, deutsche Ausgabe 1992 Kösel-Verlag München

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