Lehrstück über Weltreligion und das Phänomen Walderdbeere

 

Generell gehen alle „Momente“.

Bewusst will ich gleich zu Anfang der Leserschaft den Irrtum abnehmen, „Momente“ gingen schlechthin vorbei oder sie zögen an uns beliebig vorüber. Wir gehen zwar für gewöhnlich davon aus und behaupten dieses Versehen auch fortwährend, aber wir tun dies eben niemals ausschließlich. Denn „Momente“ funktionieren (sie gehen) irgendwie anders, als dass sie nur im zeitlichen Verlauf „geschähen“ und dann wieder „verschwänden“. Wir nehmen an, manche solcher „Momente“ würden eine Weile bleiben, manche seien schon geschehen, bevor sie überhaupt von etwas hätten bemerkt werden können: Stellen sie sich nur ein Reh vor, das aufmerkend die Augen aufreißt, den Kopf zur Seite wirft und schon im Knacken eines Astes einen Feind wähnt.
Bisweilen denken wir manche Augenblicke als historische, diese würden jahrzehntelang erinnert, so behaupten wir, andere seien schnell wieder vergessen. Auf eine solch wage Denkweise, lässt sich offensichtlich keine Regel mit den „Momenten“ zusammenreimen, denn mit diesem „Gehen“ wäre da ja auch noch ein „Kommen“ einzuräumen, jeder „Moment“ müsste erst einmal woher gekommen sein, dass er denn eine Weile hier bliebe und dann wieder ginge. Offen bleibt in dieser engen, auf den temporären Aspekt begrenzten Sicht auf den „Moment“ immerhin: woher und wohin das Kommen und Gehen nun eigentlich spielt und weniger: die relativ kleine Weile, in der er ist.

Mit den „Momenten“ meine ich hier also nicht nur die gewöhnlichen Momente, die wir in unserer alltäglichen Verwendung etwa vorfinden, sondern alles denkbare und alles undenkbare Seiende. (Vergleichen sie dazu auch bei Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ den Zusammenhang mit der ontologischen Differenz, dem Unterschied von Sein und Seiendem, der hier für die philosophische Thematisierung ausdrücklich n i c h t gesondert vorgeführt werden braucht).
Ich meine also sämtliche Existenzen und Nichtexistenzen, die da je in irgendeiner Weise sind oder nicht sind. Eingeschlossen sind hierin alle Erscheinungen, Bewegungen, Ereignisse, die den gesamten irdischen und kosmischen Gesichtskreis einnehmen, also alles, das irgendwie im kontextuellen Horizont eines Menschen zu sein scheint, beispielsweise eine dunkle Erinnerung, die ihn im Verlauf einer schweren Grippe in hellem Lichte überkommt, eine Supernova, die sich vor Millionen von Jahren zugetragen haben muss und die er erst „jetzt“ durch ein Teleskop beobachten kann, oder eben etwas, das nur einen winzigen Augenblick anzudauern scheint, wie etwa der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings. Dabei ist es irrelevant, ob „Material“ aus dem Gegenwärtigen, dem Zukünftigen oder dem Vergangenen als ein Exemplar herausgenommen wird, irrelevant ebenso, ob es gerade jetzt geschieht, bereits kurz oder lange zuvor geschah, oder in absehbarer Zukunft geschehen wird. Gemeint sind also alle Momente zusammengenommen als ein einziger: holistisch, ohne Ausnahme. Das ist sozusagen das all-umfassende, „eingefrorene“ Gesamt-Moment.

Ich untersuche hier den Begriff „Moment“ insbesondere anstelle des Begriffs „Geschehen“, weil ein Geschehen ja selbst immer auch nur je eine Abfolge von lauter Momenten im soeben Gelebten, Gedachten, Gespielten, Gesagten, Gelesenen, Gehörten, Erinnerten oder Erzählten ist und hiernach zu einer Geschichte wird. Über die allgemeinverständliche, eher kommunikative Bedeutung eines Moments, als die eines in seinem zeitlichen Ausmaß unpräzisen Augenblicks hinaus, schließt die hier vorgeführte Begriffsbestimmung alle mathematischen, musikalischen und physikalischen Momente in ihren jeweiligen Resort-Definitionen mit ein. Beispielsweise vektorielle Größen einer Kraft, eines Impulses oder eines Drehmoments. Sowie jeden sonstigen „Geschehensantrieb“ in seinem je-weiligen, eben auf den „kleinsten Moment“ begrenzten, also statisch still-stehenden Kontext.
Eine weitere Anmerkung sei vorangestellt: ich vermeide die heideggerschen Begriffe „Sein“ und „Seiendes“ sowie die „Zeitlichkeit des Daseins“, um die Dynamik des „Geschehens“ sowohl in ihrem Stillstehen als auch in ihrem Stürzen besser in den Blick nehmen zu können, bevor irgend etwas „da-ist“ und „gewesen-ist“ und „sich-vorweg-ist“. Vergleichen sie auch dazu „Sein und Zeit“ (Heidegger), insbesondere die Passage über „die Zeitlichkeit des Daseins“. (Zur „Zeitlichkeit des Daseins“ ist ein Referat in Arbeit.)

Generell also, stellt die hier vorgenommene apriorische Denkweise eine Generalkategorie der Art und Weise des Seins vor. Es ist die kürzeste imperative Generalkategorie der Art und Weise des Seins in ihrer absoluten Unabänderlichkeit: In einem „zu kürzest“ und in einer hyperbolischen Kompression zu denkenden Moment sind sämtliche Momente eingeschlossen. Alles verliert sich in ihm an sich selbst. Oder besser: Alles verliert sich an sein Nichts-Gewesenes.

Das bedeutet: Es gehen alle Momente aus ihrem „Sich-vorweg-sein“, ihrer angenommenen Zukunft hinüber in ihr „Gewesen-sein“, also ihr angenommenes Jenseitiges und zwar unbedingt, augenblicklich, zwingend und unabänderlich: Jetzt.
Wobei anhängig noch geklärt werden müsste, 1.: was der apodiktische Gehalt am „Jenseitigen“ ist, bzw. ob das Moment „Jenseits“ an sich überhaupt das ist, was es zu sein vorgibt, denn womöglich geht das so erhoffte Jenseitige wie alle übrigen Momente seines Pendants, des Diesseitigen im entscheidenden Moment in was ganz anderes über, und 2.: ob und in wie fern eine Verlässlichkeit des Gegenwärtigen, die als Gegenspieler der Illusion von Gegenwärtigem als vorauslaufende Konstruktionsbedingung von Identität verstanden werden muss, als fundamentalontologische Struktur angesetzt werden kann. (Ein Postament für eine solche Untersuchung wäre z.B. die sinnliche Feststellung, dass mit der Zunahme räumlicher Ausdehnung die Reichweite sinnlich erkennbarer Veränderungen, so die Ausbeute an gegenwärtigem Leben, abnimmt.)

Alles verliert sich an sein Nichts-Gewesenes. Alles geht, als wäre nichts gewesen. Dies einzusehen gelingt nur mit dem Schwinden der historischen Bedeutung von Vergangenem.
Dieses „Hinübergehen“ von „Sich-vorweg-Seiendem“ in das Gewesen-Seiende“ indes „geschieht“ in dieser ideellen Grammatik, die uns also sofort in eine weitererzählbare Geschichte führt, sozusagen fort-während und unablässig: ein „lebendiges Moment“ und, wie ich später noch erläutern werde, auch jedes „tote Moment“ kommt zum anderen. Die ungeheure Flut aller Momente zusammengenommen, Standbild um Standbild, inbegriffen die Vorstellung an ein Jenseits, stürzt sozusagen durch eine von und für uns Menschen angenommene Momentpräsentation hindurch, hinein in eine Wolke vager Erinnerungen. 
Natürlich ähnelt keine einzige dieser Erinnerungen irgendeiner anderen, sie haben nichts gemeinsam, ja, sie sind sogar allesamt vollkommen voneinander verschieden. 
An diesem Ort, nun einem völlig und ausschließlich nur menschlichen Ort, (man könnte sagen, es sei der Ort, aus dem heraus ein Orakel seine transzendentalen Offenbarungen erfindet,) nämlich dem Ort unserer Erinnerung, verweilt eine winzige Anzahl „individualer Momentpräsentationen“. Sie scheinen eine „wirkliche Weile lang“ zu verweilen: abrufbar, aufrufbar, rückführbar, erinnerbar bereitstehend als ein weiteres Moment aufzugehen.
„Sie kommen wie aus dem Nichts“, diese Momente der Erinnerung. Denken sie nur jene Situation: ein Reh merkt auf und äugt mit seinem Horch dem Knacken eines Astes nach.
Da scheint eine Veränderung, da kommt ein Unterschied, da kündigt sich ein erinnertes Moment an, da wird es förmlich als ein Bild vom Feind erwartet, da erinnert sich der Rezipient an die Stille zuvor, er meint, da wäre was gewesen. Dort! Da springt das Reh auch schon davon und verschwindet im Unterholz.
Dies ist der individuale, der subjektive Unterschied: das gedachte Reh in seinem, in meinem und in des Lesers Moment. Da verliert sich der Individual-Begriff, nämlich „der Feind“ in einer Konkretion an sein Individual-Standbild, nämlich „ein Bild vom Feind“ in seiner Erinnerung.
Und dann, nach besagter Weile, verliert sich diese zeitlich, räumlich und auch eindrücklich stark begrenzte Erinnerung, genauer die Individualerinnerung in ihrer Absenz, in einem Blackout oder in einem schwarzen Loch. Sie geht unter im kosmischen Ozean der Vergessenheit, dessen Vorkommen sich an sich wiederum allein dem Menschlichen, dem allzu menschlichen Menschlichen verdankt – sozusagen als „Momentchen“ einer melancholischen Trauer um nichts, nur um sich schlussendlich als ein menschlich Vergessenes in sich selbst zu verlieren.
Mit dem Tod steht es nicht anders: „Da verliert sich der Individual-Begriff, nämlich „das Leben“ in einer Konkretion an sein Individual-Standbild, nämlich „ein Bild vom Leben“ in einer Erinnerung. (Allerdings ist mit dem Tod und wie es sich mit ihm verhält – wie oben bereits angeführt – das Jenseitige noch nicht geklärt.)

Ich versuche im Folgenden die Verhältnisse zum Jenseitigen hin anzugehen und zu lichten, indem ich die „Verlorenheit im Gegebenen“ und „das Gegebene in seiner Verlorenheit“ illustriere.

Das Vertrauen verliert sich in den Redlichen und in den Glaubwürdigen,
so, wie sich die Betrügenden in ihrem Betrug verlieren. 

Die Freude verliert sich in der Frohnatur und in den Wohlwollenden,
so, wie sich die Ängstlichen in ihrer Angst verlieren. 

Die Hoffnung verliert sich in den Liebenswürdigen und in den Mutigen, 
so, wie sich die Zweifelnden in ihrem Argwohn verlieren. 

Der Glaube verliert sich in den Ergebenen und in den Kirchgängern,
so, wie sich die Ehrlosen in ihrer Perfidie verlieren. 

Das Leben verliert sich in den Gefälligen und in den Selbstherrlichen,
so, wie sich die Toten in ihrer Verschiedenheit verlieren.
(Ein Aufsatz zur Verschiedenheit ist in Arbeit)

Ach, ja: 
und die Begabung verliert sich in den Ehrwürdigen und selbst in den Künstlern,
so, wie sich die Schöpfer in ihrem eigenen Werk verlieren.

Und mehr noch: 
alle Verlässlichkeit verliert sich in der Vergessenheit,
so, wie sich die Toten in ihrer Geschichte verlieren.

Wird die Momentpräsentation in vorgeführter Weise angesetzt, ohne eine scharfe Untersuchung des Jenseitigen, ohne die Supposition einer Erlösung oder die alle Menschen einende Hoffnung auf diese, ist sie (die Momentpräsentation) eine mickrige Individualvorstellung, durch die das nun von „Allem“ entkoppelte menschliche Individuum, es brauchte dieser Vorstellung einfach nur zu folgen, in eine tiefe Sinnkrise, bzw. Depression stürzen müsste!

In dieser Individualvorstellung käme das junge wie alte Individuum auf seinem Gang in ein selbsterfülltes zufriedenes Leben überhaupt nicht mehr vor. Es wäre bedeutungslos. Aber diese geräuschlose Vorstellung wäre in ihrer hypothetischen Auflösung nichtsdestoweniger universell, nämlich: ein bis ins hohe Alter lernfähiger, Sinn suchender und Sinn stiftender Organismus verlöre sich selbst in einem tiefstehenden Ozean voll schlichter Bedeutungslosigkeit. 
Das ist ziemlich unangenehm. Nicht wahr? 

Es ist aber genau diese Theorie, die heutzutage besonders unter Adoleszenten und jungen Erwachsenen die Aussicht auf eine sinnstiftende Zukunft verstellt und in ihrer extremen Entfaltung ein Wirkstoff ist, der einerseits Stumpfsinn und Desinteresse und andererseits Motivation zu anarchistisch, bzw. religiös angetriebener Gewaltbereitschaft provoziert: radikale Religiosität ist, wie wir es derzeit erleben, einer der gangbaren Wege, der Isolation in ihrer nunmehr etablierten und sozialisierten Sinnlosigkeit (Alleinigkeit und Einsamkeit) zu entrinnen.
Entgesellschaftung geschieht aber! gerade jetzt, in einer Zeit, in der uns eine Pandemie zu schaffen macht, auf eine mal mehr, mal weniger eindrückliche, wenn auch gewöhnliche Art und Weise: “Das Gemeinschaftsgefühl verliert sich in der Gemeinschaft, der Gemeine verliert sich in seiner Gemeinheit und die Alleinigen verlieren sich in ihrem Alleinsein“. (Genau genommen verlieren sie sich in ihrer All-Einigkeit: dem Nichts.)
Die Lösung aus diesem Gang heraus ist allerdings die erneute Vergesellschaftung in eine Subkultur. Doch dies ist nur ein Ersatzakt, der das Wissen um die Vergänglichkeit und mit ihm das Wissen um die Bedeutungslosigkeit mit Hilfe einer suggerierten Beständigkeit illusionieren will.
Lebensgeschichten, überhaupt alle Geschichten verlieren sich an ihre Zeit: Daraus ergibt sich für die Geschichte (und also die Geschichte an sich), die nur die Spezies Mensch an ihre Nachkommen weitergibt, eine Letalität von 100%.
Die Verfallszeit variiert natürlich je nach Gehalt und Bedeutung der Geschichte, die vorzüglich durch Kultur und Politik gehegt und gepflegt wird, als wäre sie ein botanischer Garten, in dem Unkraut gejätet und erhaltenswerte Kulturpflanzen geschönt und weiter gezüchtet werden und sie hängt ab von den „Speichern“, in denen sie aufbewahrt werden. Die spektakulärsten halten Jahrtausende durch, denken sie nur an die Hängenden Gärten von Babylon oder die Pyramiden von Gizeh, jedoch erinnern die Engländer von ihrem Empire und wir von der Varusschlacht aktiv so gut wie nichts.
Wie gesagt, die Mortalität gewöhnlicher, schlichter Geschichten – insbesondere unserer eigenen – ist besonders hoch und dieser Umstand hat mit zunehmendem Alter eine ziemlich unangenehme Wirkung auf unser Selbstbewusstsein, unser Selbstwertgefühl usw., kurz: auf unsere psychische Verfassung. Infolgedessen lohnte sich womöglich doch ein tiefergreifendes Nachdenken über die menschlichen Dispositionen, die da wären: Mensch-Leben und Mensch-Wirken und Mensch-Sinn. Schlechterdings verweigern wir eine solche Anstrengung und lassen uns stattdessen in diesem breiten, vorgelegten Strom phantasievoller und wunderbar lebendiger und freudvoller Geschichten treiben. Die gehen dann in etwa so:

Plötzlich schreckte das Reh auf, als ich auf den dürren Ast trat, der sogleich unter meinem Tritt knackte. Ich tat es dem Tier gleich und erschrak geradeso, denn ich vernahm gleichfalls unweit eine Unruh, hielt inne und stand nun still da. Ich spähte zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurch so weit ich konnte, es waren nur ein paar Meter. Gespannt erwartete ich in dem Gebüsch, wo ich die Herkunft des Raschelns vermutete, ein Reh zu entdecken.
Im selben Augenblick sah ich es, als hätten wir uns zu diesem Stelldichein verabredet, da stand es regungslos und blickte herüber.
Einen Moment lang standen wir ganz still.
Es schloss langsam die Augen, öffnete sie wieder, es glänzte kurz herüber, als wolle es mir freundlich sagen: „ich habe dich als einen Freund erkannt“, und dann verschwand es plötzlich mit ein, zwei mächtigen Sprüngen im Unterholz. Ich hörte noch einige Male den dumpfen Klang des Waldbodens unter den Hufen des Tiers, das sich rasch entfernte.
Ich brauchte eine Weile bis ich mich aus der Situation lösen und meinen Streifzug fortsetzen konnte. Fortan achtete ich besonders darauf, wohin ich trat. Mein Blick glitt nach unten, vom rechten zum linken und vom linken wieder zum rechten Saum des schmalen Pfades.

Durch blaue Brüche im dichten, grünen Gewölbe fiel hie und da ein Sonnenstrahl herein und beleuchtete Farne, Gräser und niedriges Gehölz auf der kühlen, bemoosten Unterlage. Es duftete eindringlich nach jungen Tannenzapfen, die an den Fichten reiften und dem triefenden Harz der Rottannen, das in zähen Tränen aus den Borken klebrige Nasen bildete, und es roch nach frischen Pilzen reich an ihren Arten, die aus dem feuchten Waldboden ans spärliche Licht drängten.

In diesem Pendeln meines Blickes, entdeckte ich unvermittelt in einem weiten Lichtfleck an einer leichten Böschung etliche Walderdbeeren. Die Pflänzchen standen nicht einfach nur da, sie sprachen mich sogleich trefflich an, denn ihre Früchte spitzten lebhaft rot unter dem sanften Grün ihrer Blätter hervor. Sogleich machte ich mich voll Vorfreude an die Früchte heran und steckte mir gierig eine um die andere in den Mund. Die herrlich fruchtigen Aromen bemächtigten sich unverzüglich meiner Sinne: meine Augen suchten das leuchtende Rot, meine Finger ertasteten die zarten Nüsse, ihr einzigartiger Duft betörte meine Nase, ihre prickelnde Oberfläche entzückte meine Zunge und der einnehmende, süß-säuerliche, äußerst waldfruchtige Ausdruck ihres leicht karamellartigen Geschmacks zogen meinen Gaumen gänzlich in ihren Bann. Die kleinen scharlachroten Rosenfrüchte von der Größe einer Austernperle mit ihren winzigen hervorgewölbten Nüsschen und ihren winzigen Härchen nahmen meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag, vor allem aber ihr ungeheuer betörender Geschmack vermochten es, dass ich in vollkommene Hingabe an sie gelangte und mich für ein paar Augenblicke völlig in ihnen verlor.

Lullaby?
Ja, Lullaby.
Geschichten lullen uns ein. Sie sind der Schnuller, der uns zum Schweigen bringt, bevor wir etwas sagen könnten, bevor wir uns etwas trauen könnten. Große und kleine Geschichten. Große und kleine Lullabys. Lullabys für die Großen und für die Kleinen. Wiegenlieder, die trösten, die das Leben versüßen und die das Sterben leichter machen. 
Bereitwillig folgen wir den zuckersüßen Versuchungen, verpackt in phantasievollen Imaginationen, bunten Bildern und spannenden Geschichten, die das Leben als eine lustvolle Lebendigkeit, als eine Erfüllung unserer abenteuerlichen Vorstellungen, Sehnsüchte und Träume empfinden lassen, die aber vor allem unsere eigenen Erinnerungen wachrufen und bestätigen.

Wir haben uns längst dafür entscheiden: Wir halten die eine oder andere Geschichte für bedeutsam und für erzählenswert. Wir denken uns folglich Geschichte um Geschichte und vielmehr nicht an eine in Vergessenheit stürzende Momentpräsentation nach der anderen. Denn wenn wir unseren Geschichten Glauben schenken, verliert sich Faktizität im Prosaischen, dann verliert sich das Bedrohliche im Vergnügen:

Und so gehen wir heiter den schmalen Pfad weiter, der sich – nun immer steiler ansteigend – nach oben windet. Ermutigt von der Gewissheit des Weges hinauf zum Kommenden, geklärt von der sortierenden Aussprache des Zurückgelassenen, setzen wir leichten Schritt an Schritt, voll Vorfreude des zu erwartenden Ausblicks über die Täler hinweg, denn der Gipfel ist nicht mehr weit.

Ein aufgeschrecktes Auerhuhn flattert ungeschickt aus dem Gestrüpp, tölpelt und gurgelt ein aufgeregtes „Gog-Gog“. Aus einer tiefergelegenen Waldschneise trommelt das eindringliche Meißeln eines Spechtes zu uns herauf. Kollektive Waldameisen kreuzen in emsiger Geschäftigkeit unseren Weg. Das Holz wird lichter, bis schließlich über magerer Spätsommerweide und duftendem Kräuterwerk, das in den Nischen der Felsen Schutz findet, nur noch blau-weißer Himmel über uns hinwegfliegt. Dazwischen zieht ein Pärchen Rotmilane seine Kreise, ihr klares Pfeifen klingt wie ein an uns gerichtetes Rufen: „Hallo! Ich habe dich gesehen!“ Ein paar Stiege noch und die Kuppe ist erklommen.

Da endlich erblicken wir die scharfen Konturen des Mittelgebirges, blicken über sie hinweg in die Weite des Horizonts und nehmen einen tiefen Zug der klaren, reinen Luft. Wir folgen der Silhouette bis an ihren Rand. Dann lesen wir den weichen Schwung der davor liegenden Hügel an den endlosen Kronenketten ihrer Nadelwälder ab, die wie Meereswellen heranströmen und in ihrer Färbung von Grün zu Grüner vorwärtskommen. Unter uns windet sich ein Wasser tief durchs Tal und gräbt in Ewigkeit seinen mäandrierenden Weg in den Fels.

Und dann, ganz unvermittelt, verliert sich mit einem Mal die malerische Diktion an ihr Ende.
Von irgendwo aus dem Nichts der Sprachlosigkeit rührt es her, aus ihr kommt eine Varianz als nächstes Moment hervor, als eine erneuerte, eine erweiterte Möglichkeit, sich an den Fortlauf dieser Geschichte zu verlieren, nämlich als eine erneute Wendung: die Umkehr, hier besser: der Abstieg.
Ich schaue Bella an.
Sie erwidert warm meinen Blick.
Ihre dunkelbraunen Augen strahlen mich an und ihre Lebensfreude verliert sich in der meinen und wir sind für einen Moment lang: einfühlendes Eins.
Eine ganze Weile stehen wir so da.
Auge in Auge: verloren, vereinigt, glücklich.
Dann plötzlich, wirft die Hündin den Kopf zurück, bellt lebhaft ein, zwei Mal, wedelt freudvoll mit dem Schwanz und schaut erneut hinaus in die Ferne, von wo ihr Echo Antwort gibt: „Wau! – Wau!“
Wir folgen dem Blick der Hündin.
Dann erinnern wir uns an den wundervollen Geschmack der Walderdbeeren.
Wir erinnern uns an das Alltägliche.
Dann erinnern wir unsere wahre Wirklichkeit. Das ist diejenige Wirklichkeit, die durch ihre Wirkung (das Bellen) verbürgte Wirklichkeit (das Echo) ist.
Wir erinnern unsere wirkliche Wahrheit. Sie ist diejenige Wahrheit, die durch ihre Nacktheit (der Blick der Hündin) preisgegebene Wahrheit (wesenhaft, verloren, doch vereinigt: Auge in Auge) ist.

Die alltäglichen Geschichten – solcher und solcher – sind wie der Geschmack der Walderdbeeren die Kathedralen der Verlorenheit und werden eben nur auf diese Weise in unserer Zuwendung zur einzigen, zu einer für alle stehenden, alle einenden Religion: der Weltreligion.

Wir machen uns einen Begriff von Walderdbeeren: eben „Walderdbeere“. In ihm ist alles über sie gesagt. Wir können hoch detailliert beschreiben, wie sie aussieht, entfernen uns aber mit jedem weiteren Detail von ihr.
Wir können nicht sagen, wie sie schmeckt; außer nach „Walderdbeere“ eben.
Auch Vergleiche, die uns an Altbekanntes erinnern sollen, führen uns nicht näher an den Geschmack von Walderdbeeren heran. Zum Beispiel erinnert der Geschmack einer gelben Kiwi sehr deutlich an den Geschmack einer Stachelbeere und leise an das Aroma von Banane. Doch dies führt uns nicht näher an den Geschmack einer Kiwi heran. Ganz im Gegenteil, diese Überlegung führt zum Geschmack einer Stachelbeere, also weg von der Kiwi, und keiner kann letztendlich sagen, wie eine Stachelbeere schmeckt. Eine solche Vorgehensweise erreicht in ihrer Finalität lediglich folgende Aussage: „Eine Stachelbeere schmeckt nach Stachelbeere.“ und das bedeutet: „Eine Walderdbeere schmeckt nach Walderdbeere.“

Vom Geschmack selbst machen wir uns keinen Begriff. Der Geschmack, ein wesentliches, glückselig machendes Moment innerhalb der gesamten momenthaften Erscheinung einer Walderdbeere, kann erst durch den Geschmacks-Sinn eines Antagonisten, also z. B. durch einen menschlichen Rezipienten, zur Entfaltung gebracht werden. Trifft Geschmack nicht auf seinen Gegenspieler, nämlich dem Schmecken, so verbleibt er, der Geschmack, in seiner beziehungslosen Verborgenheit und stürzt als ein winziges Moment, unerkannt und in der Gemeinschaft sämtlicher Momente, übrigens von uns Menschen völlig unbemerkt, durch das Zeitfenster der Momentpräsentation hinüber in das Jenseitige. (Wir tun dann so, als hätten wir von nichts gewusst.)

Von Gott selbst machen wir uns keinen Begriff. Gott, ein wesentliches, glückselig machendes Moment innerhalb der gesamten Erscheinung All, kann erst durch den Glauben eines Antagonisten, also z. B. durch einen menschlichen Rezipienten, zur Entfaltung gebracht werden. Trifft Gott nicht auf seinen Gegenspieler, nämlich dem Glauben, so verbleibt auch dieses Moment in seiner beziehungslosen Verborgenheit und stürzt als ein winziges Moment, unerkannt und in der Gemeinschaft sämtlicher Momente, übrigens von uns Menschen völlig unbemerkt, durch das Zeitfenster der Momentpräsentation hinüber in das Jenseitige. (Wir tun dann so, als hätten wir von nichts gewusst.)

Alle Momente gehen.

Mit dem sukzedanen Fall der Momentpräsentationen durch das Fenster der Zeit und mit all diesen menschlichen, der Wirklichkeit ausweichenden, geschichtlichen Glaubensdispositionen, ist dem Einzigen (das einzelne menschliche Menschenleben) jede Möglichkeit, sich selbst zu leben, genommen. So kann Er (der Geschmack der Walderdbeere) sich nur im Gesamten (die Momentpräsentation) “sehenlassen”. Noch einmal also sei gesagt, dass alles „So-Sein“ sozusagen als Lullaby (die irgendwoher rührige Geschichte) im “Sich-vorweg-Sein” treibt und augenblicklich in das “Gewesen-Sein” hinüberstürzt.

In dem fortwährenden Vertun einer Chance, in dem bequemlichen Verpassen einer wirkfähigen Einflussnahme, in dem erträglichen Versäumen, einer etwa intellektuellen (bzw. kunstvollen) Verbesserung des Lebens Platz zu machen, ja geradezu in der allgegenwärtig geflissentlichen Vermeidung eines wirklich selbstbestimmten Lebens, was immer das auch sein könnte, abseits jener Ängste jedenfalls, die sich genötigter Weise zu pathogenen Konversionen, zu Leib-Seele-Problemen und Dissoziationen, wo weder Flucht noch Kampf einen Sinn machen, auswachsen, trägt sich das Menschliche am Menschenleben, von dem hier die Rede ist, zu. Es ist das Menschliche, das uns beflügelt und das immer im Sinn seine Identität sucht. Dabei ist es unaufhörlich jener extrem flüchtigen Gegenwärtigkeit ausgesetzt, die es nicht zu ergreifen vermag.

Es bliebe nun noch zu erörtern übrig, woher dieses Spiel nun eigentlich rührt und wohin es uns führt, das Spiel in all seinen Beziehungen zwischen Erscheinung und Sinn, zwischen Vorstellung und Glaube, wäre da nicht die Form dieses Lehrstücks, von der die Leserschaft zurecht erwartet, dass profunde Erkenntnisse es sind, die, sie (die Leserschaft) zügig in neues Verständnis zu führen, in der Lage sind.

Im Grunde, sei endlich eine kluge Zusammenführung der beiden Aspekte zu erwarten, die die logische Erklärung der Allegorie, nämlich das Phänomen Walderdbeere als eine Weltreligion, lieferte. Umfänglich kann dies die Vorlage eines einfachen Gleichnisses natürlich nicht leisten.

Dennoch kann aus alledem Bedeutsames entwickelt werden – nach unzähligen philosophischen und theologischen Erörterungen der Verhältnisse zwischen „Jenseits“ und „Diesseits“, zwischen „Sich-vorweg-Sein“ und „Gewesen-Sein“, zwischen „Sein“ und „Schein“, die durch die menschlichen Geschichten festgehalten sind, ist nichts weiteres beabsichtigt, als das „Da-Sein“ und das „So-Sein“ im gegenwärtigen menschlichen Kontext, also im „Jetzt“ zu finden. Insbesondere aber nach den Untersuchungen der Verhältnisse, die sich zwischen Mensch und Momentpräsentation zeigen und also auch den Untersuchungen zwischen dem Universellen und dem Geschmack der Walderdbeere, die im vorliegenden Stück vorzufinden sind, muss abschließend Folgendes gesagt werden:

Eine einende Weltreligion lässt sich nur im „All-Ein-Sein“ und ausschließlich nur durch den je persönlichen Geschmack eines menschlichen Individuums, hier exemplarisch auf den Geschmack der Walderdbeere und dessen Universalität hin, denken. Solange der Geschmack eine Weltreligion und nicht vielmehr eine Welt-Doktrin oder irgendeine Art Welt-Ordnung im Sinne einer Verschreibung eines einheitlichen Glaubensprinzips sein will, solange muss der Geschmack die Weltreligion im Ort seiner Herkunft vermuten: also in sich selbst, dort kann er nur aufgehen, indem er rezipiert, geschmeckt, geglaubt wird, also im menschlichen Individuum.
Ich denke mich, also schmecke ich mich, ich will ich sein, also bin ich ich.
Ich wünsche mir eine Weltreligion, also ist der Geschmack der Walderdbeere meine Religion, die will ich sein, welche ich bin.
Der Geschmack allerdings bleibt selbstredend zweierlei: universell, weil wir Menschen ihn alle schmecken und individuell, weil kein Mensch ihn teilen, bzw. mitteilen kann. Folgen wir an dieser Stelle der Parabel, so kommt dies Phänomen auch der Religion zu. Eine weltumspannende, alle Völker einende Religion geht nur dann, wenn wir eine Umkehr vom Übersinnlichen zurück zum Sinnlichen, vom Transzendentalen herunter zum Erleben, also hinein in eine neue, gemeinschaftliche und lebendige Mystik schaffen.
Allein die Universalität des Geschmacks der Walderdbeere ist in ihrer Zeit- und Ziellosigkeit das Phänomen, wenn sie so wollen: das Wunder, von welchem dieses Stück handelt, und nur sie gibt uns verlässliche Orientierung zur Friedfertigkeit und zu einem ewigen Leben, hier im Paradies auf Erden.

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