Die Demokratie ist am Ende (Teil 2)

Da ich sie, verehrte Leserinnen und Leser, in keiner Weise beabsichtige mit trivialen Fallbeispielen zu langweilen, ich die Anführung solcher Exempel angesichts des Themas allerdings für unumgänglich erachte, stelle ich an den Anfang dieses zweiten Teils zunächst den kurzen Versuch einer Definition. Bei deren wahrhaftiger Vernehmung, so sie denn willfährig vonstattengeht, wird sich eine interessante Veränderung des Lesens und Verstehens seitens des Rezipienten einstellen. Ja, womöglich stellt sich eine interessante Verwandlung des geschriebenen Textes selbst ein. Das klingt abstrus, geschieht aber mitunter tatsächlich, denn jeder Text vermittelt Inhalt, und dieser hängt von der Lesart ab, in der er gelesen, bzw. verstanden wird. Meine Absicht ist es, Ihnen sowohl eine „gesunde“ Distanz zum Text, als auch zu Ihrem je eigenen Verständnis nahezulegen. Voraussetzung ist auch ein gemeinsames Wollen; gemeint ist, dass der Text auf der einen Seite möglichst verständlich geschrieben sein sollte und die zweite Seite, also sie, sich aufrichtig bemüht, mit dem Text in sich zu gehen, dem Gesagten nachzuspüren und hier und da bewusster zu überdenken, wer oder was jetzt da spricht: der Autor? Der Text? Die Geschichte? Ganz andere Quellen? Sie selbst?!
Was auch immer in und zwischen den Zeilen zu finden sein wird, oder daraus nachklingen mag, entspringt ausschließlich ihrer Interpretation oder ihrer Phantasie.

Nun zur kurzen Definition.
Es liegt in der Natur der Sprache, dass Sehende, Lesende oder Hörende das Gesehene, Geschriebene oder Gesagte erst dann vollenden, wenn sie darin etwas wiederfinden, das sie bereits kennen oder etwa einen neuen Zusammenhang verstehen oder logische Verknüpfungen ihnen bereits bekannter Gegenstände erkennen. Für vollkommen unbekannte Inhalte oder unverständliche Bezeichnungen wird Übersetzung, Interpretation oder Erklärung erforderlich, um aus einem baren Staunen heraus – in eine neue Erkenntnis, ein neues Wissen, eine neue Erfahrung oder dergleichen hinein zu finden. Auch hier sei ein Wille zum Verstehen ohne weitere Begründung vorausgesetzt (denn eine Erwähnung des Problems, woher nun überhaupt dieser Wille rührt, führte weitab in philosophische und theologische Gebiete, die ich hier in diesem kleinen Essay nicht anlangen kann). Die Vollendung des Sprechens sei also dann der Versuch, die gegebene Ambivalenz der beiden Seiten, die sich eigentlich immer nicht verstehen oder fortlaufend missverstehen, aufzulösen. Die beiden Seiten wollen anscheinend immer zu einer Art stillschweigender Übereinkunft gelangen, die im Dialog beispielsweise in einem bejahenden Nicken ihre Bestätigung findet, oder dem Gefühl von einem irgendwie gearteten Einverständnis, das seinen Abschluss sucht, eine Fortführung aufruft oder das „innere“ Ende des „äußeren“ Prozesses signalisiert. Beim Lesen eines Buches oder sonst eines Textes vollzieht sich dieser lösende Akt im Stillen Schwelgen und bestätigt sich fortlaufend im interessierten Weiterlesen oder durch das schlichte Schließen des Buches. Letztgültige Sicherheit über tatsächliches Verstehen oder ein wahrhaftes Einsehen in die phantastische Welt des Anderen wird es allerdings niemals geben können. Beidseitig verbleibt alles Gesagte, Gemalte, Komponierte als ein Mysterium der menschlichen Kommunikation. Will sagen: der Mensch bleibt in seinem Verstehen immer allein. Er nähert sich jedoch bereitwillig und neugierig der ihm ach so fremden Weltsicht des Anderen an. Er befragt diese und sucht sie zu erkennen an seiner eigenen.

Nun bitte ich Sie, mir zu folgen, in eine alltägliche Beschreibung hinein zu tauchen und dies mit eben dieser auf die Geschichte und gleichsam auf sich selbst gerichteten Wachsamkeit zu tun. Was geschieht mit Ihnen während des Lesens? Warum fühlen Sie sich gelangweilt, warum interessiert? Warum halten Sie eine Wortfolge kaum aus? Was erkennen Sie durch Ihr Verständnis der Inhalte wieder und was durch Ihre Interpretationsweise an sich selbst? Wieso, mögen Sie sich fragen, vergeude ich meine Zeit? Und was hat das bitteschön mit der AfD und dem Thema „Die Demokratie ist am Ende“ zu tun?

Der Funkmast

Im Nebenzimmer der Landgaststätte Kreuz wird kommenden Mittwochabend eine Informationsveranstaltung zum Thema Mobilfunksendeanlagen stattfinden. Diese Veranstaltung wird von der Bürgerinitiative „Besorgte Bürger Königsfeld“ initiiert. Es sollen die Grundlagen der gesundheitlichen, finanziellen und rechtlichen Aspekte aufgeklärt und offene Fragen thematisiert werden.
In unserer Gemeinde muss also ein neuer Funkmast aufgestellt werden, denn die Gemeinde will per Beschluss des Rates die Vorgaben der Bundesregierung zum „Ausbau der Infrastruktur gerade in ländlichen Gebieten“ umsetzen und die vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel rechtzeitig abrufen.

Ich werde nicht hingehen.

Die Netzqualität bei mir Zuhause ist in allen Stockwerken miserabel. Ausnahme: das Schlafzimmer: 2 Striche von 5 möglichen am oberen Rand meines Displays signalisieren mir dort einigermaßen Empfang – sonst ist der Pegel bei null. So telefoniere ich, wenn ich am Smartphone angerufen werde, neben dem Bett auf dem Fußboden sitzend. Wende ich mich dort während eines Telefonats um, kann es sein, das Gespräch wird zerhackt oder gänzlich unterbrochen. Ich habe deswegen noch nie die Fassung verloren. An ein telefonisches Gespräch in meinem Büro oder in der Badewanne ist nicht zu denken. Beabsichtigte ich mein jüngst kernsaniertes Haus zu vermieten oder zu verkaufen, wäre allein „dieser Zustand“ das vorläufige KO-Kriterium für die meisten Interessenten. Zu alledem bin ich freiberuflich als Berater und Autor tätig, beides Geschäftsgebiete, deren Erfolg ein überdurchschnittliches Maß an Konnektivität an sämtliche moderne Kommunikationswege voraussetzt. Man könnte also annehmen, dass ich alles in allem ein berechtigtes Interesse an der Errichtung eines solchen Mastes habe. Dennoch werde ich an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen. Und das aus gutem Grund.

Ein Aspekt: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, so heißt es bei Hegel, (dessen weise Einsichten finden sich ein paar Jahrzehnte später in Marx‘ Schriften wieder, der sich neuerdings einer romantischen Popularität erfreuen würde, lebte er noch). Das bedeutet Folgendes für mich: entgegen meiner konkreten, hier beschriebenen Einsicht in die dringende Notwendigkeit an der Mobiltelefonie partizipieren zu können, nehme Ich mir die Freiheit, an dieser Versammlung, die offensichtlich von der gegnerischen Partei veranstaltet wird, nicht teilzunehmen. (Bemerkung: hochtrabende Argumente sollen ein einfaches Verhältnis erklären? Na und? Mit Verlaub, über die Begriffe Freiheit, Einsicht und Notwendigkeit werden wir hier noch viel genauer zu sprechen kommen müssen). Es geht um nicht weniger als die Art und Weise, in der demokratische Systeme an mir versagen, beziehungsweise um mein sukzessives Verschwinden aus diesen Systemen. Anders herum formuliert: was haben diese demokratischen Systeme mit mir gemacht, was haben sie mir gebracht, dass ich mich solchen wichtigen, ja, mich selbst unmittelbar betreffenden, gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen entziehe?

Die vorliegenden Beispiele zeigen die Beweggründe an jenen Angelegenheiten, in denen sich Bürgerinnen und Bürger aufgefordert sehen, in den Widerstand zu gehen. Das tun sie immer dann besonders aktiv, wenn sie ihre existenzielle Sicherheit bedroht sehen, Gefahren für ihre Gesundheit oder gar ihr Leben wittern oder eine Veränderung ihrer Gewohnheiten auf sich zukommen sehen. (Sie erinnern sich an die Ausführungen von Peter Sloterdijk in Teil 1). In bestimmten Fällen werden sie auch dann aktiv, wenn anderes Leben, außerhalb ihres eigenen, bedroht zu sein scheint oder dessen Freiheit um ein ihnen unerträglich vorkommendes Maß eingeschränkt oder verletzt wird. Sie setzen sich also auch für die Einhaltung von Geboten ein, die sie selbst nicht unmittelbar anlangen, sondern denen sie unter Einsatz ihres sozial- oder gesellschaftspolitischen Verständnisses, ihres humanitären Anstands, ihres ausgeprägten Gewissens oder sonst eines Ideals folgen. Auf Grundlage einer derartigen Rückbesinnung eskalieren oder resignieren nicht nur einzelne Menschen für sich. Dasselbe geschieht auch und gerade in (mit) kleinen und großen Gruppen und in kleinen und großen Interessensverbänden mitsamt ihren Vorständen. Aus der Gruppierung AfD hat sich auf der Basis solcher Motivationen eine mächtige Volkspartei generiert.
Die historische Erfahrung, wie auch die empirische Forschung lehren uns, dass dieser aufkeimende Widerstand umso härter ausfällt, je einschneidender der Eingriff in das persönliche Leben oder wie im Beispiel in die Qualität des unmittelbaren Lebensraumes von Bürgerinnen und Bürgern geartet ist und diese davon selbst betroffen sind. Ich selbst nehme mich davon nicht aus.

Doch nun zurück zum Fallbeispiel.
Ich treffe also einen guten Freund aus der eingemeindeten Nachbarortschaft dessen Gattin wir der gegnerischen Gruppe zurechnen müssen, also derjenigen Partei, die sich gegen die Errichtung eines Funkmastes gebildet hat und die sich schon vor Wochen vermittels eines Flyers, der zum solidarischen Widerstand aufruft, bekannt machte. Sie kennen das; ein solcher Flyer ist als eine Informationsgabe einer der beiden Seiten zu verstehen und damit ein wichtiger Bestandteil demokratischer Meinungsbildung. Ich erhielt dieses Faltblatt bereits auf zweierlei Wegen.
Zuerst fand ich es unfrankiert in meinem Briefkasten vor. Ich kombinierte sofort: „Große Aktion“ und das Papier muss wohl in alle Briefkästen der Gemeinde eingeworfen worden sein.
Zum Zweiten erhielt ich dieses Blatt persönlich von eben jenem guten Freund ausgehändigt mit der seiner Ehegattin gegenüber gut gemeinten Absicht, mich als Mitstreiter für diese gewinnen zu können. Durch die persönliche Bindung und dem anstehenden philosophisch-theologischen Streitgespräch, zu dem wir uns regelmäßig verabreden, war es mir unmöglich, der Angelegenheit aus dem Weg zu gehen. Also schuldete ich ihm eine kurze Erklärung, die ich mit den verlegenen Worten begann: „Tut mir leid, – aber ich bin für den Mast und nicht dagegen, – aber natürlich an einem geeigneten Standort…“ Und indem ich ihm meine Situation erklärte, verspürte ich mit jedem weiteren Wort, das in einem Hin und Her über unsere Lippen kam, die wachsende Schwäche meiner Lage. Da halfen auch die fachlichen Kenntnisse nichts, die ich mir in einer beruflichen Weiterbildungsmaßnahme erwarb und die mich immerhin in den Stand eines Elektronikers hob. Zum Beispiel über die nachlassende Strahlungswirkung bei steigendem Abstand zur Funkquelle oder der Vergleich mit der Strahlung eines Smartphones, mit dem in unmittelbarer Nähe zum Körper telefoniert wird. Ich hatte das Gefühl, dass sich jedes Wort direkt vor meiner Nase wie eine kleine, platzende Seifenblase verhielt. Und mit jedem Plopp (und exakt so ergeht es mir auch gerade in diesem Moment, da ich diese Worte schreibe) drang mir immer eindrücklicher in den Sinn, dass es überhaupt keine Rolle spielte, was ich sagte, denn ich war nur ein Einzelner von den Wenigen und darüber hinaus waren meine Argumente angesichts mutmaßlich verstrahlter Kinder und heraufbeschworener Krebsgeschwüre in Gehörgängen und Großhirnrinden relativ schwach.
Dass Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit bedeutet, half in diesem Moment auch nichts.

Noch am selben Abend, ich erinnere mich genau, sprach mich ein Nachbar jenseits der Durchgangsstraße an, ein Landwirt der aussterbenden Art, der mein Schicksal in dieser Sache teilt. „Was hältst du davon?“, fragte er mich, am Mittwoch sei eine Versammlung im Kreuz.
Spontan antwortete ich ihm: „Nix!“
Nachdem ich ihm sogleich die am Morgen desselben Tages erkannte Schwäche meiner Argumentationslage erklärt und ihm die Zahlen der vermeintlichen Befürworter gegen die der vermeintlichen Gegner vorgerechnet hatte, schlug ich ihm vor, doch der Gemeinde ein Stück von seinem Weideland am Waldrand anzubieten. Das wäre ein geeigneter Standort für den Mast. Da seien locker 3000.- Euro für einen Ar drin. Sein Kopf drehte sich kurz in die eine, dann in die andere Richtung. Dann schaute er mir direkt in die Augen und erwiderte ohne weitere Überlegung, er habe keine Lust, sich in der Gemeinde zum Buhmann machen zu lassen. – Der Satz wiederholte sich noch einige Male in meiner Erinnerung, als wolle er sich dort verewigen. Er habe keine Lust, sich in der Gemeinde zum Buhmann machen zu lassen. Damit war für den Augenblick das Thema erledigt. Angst? Gelassener Opportunismus? Konservativer Konformismus? Sittlicher Gehorsam in einer Gemeinde?

Mittlerweile sehe ich überall an Zäunen und Hauswänden gelbe Plastikbanner hängen, die in schwarzer Schrift für einen „Strahlungsfreien Raum“ reklamieren. Ich habe keine Chance. Ich kann doch nicht damit anfangen für eine Verstrahlung von Kindern zu skandieren.

Mit diesem ersten, für Sie vielleicht unbedeutenden Beispiel, bekenne ich meine eigene Passivität, bezüglich einer möglichen Teilnahme an einem wichtigen lokalpolitischen Entscheid und letztlich meine Gleichgültigkeit über den Ausgang des Falls.
Das irgendwann eintretende Ergebnis würde mich im Augenblick der zukünftigen Realisation nicht mehr interessieren. Obschon ich, wie gesagt persönlich betroffen bin. Und obschon die Breitbandlösung die umweltverträglichere und nachhaltigere Lösung wäre und sich mein Einsatz für sie womöglich lohnen würde, interessiert mich eigentlich schon jetzt auch dieses Ergebnis nicht. Angesichts meiner Machtlosigkeit ist mir die Lust vergangen, meine Energie und meine Zeit für ein optimales Ergebnis einzusetzen, selbst wenn es mir offenbar von Nutzen wäre. Ich habe meinen Nachbarn nicht nach der Formel gefragt, mit deren Hilfe er sich insgeheim ausrechnete, dass es besser sein würde, auf ein Grundstücksangebot zu verzichten und sich herauszuhalten. Weil ich diese Formel nur zu gut kenne. Bequemlichkeit und ein Leben ohne Reibungsverluste. Auch ich habe keine Energie mich gegen diese klassischen Systeme aufzulehnen und auf faule Kompromisse keine Lust.

Ich habe in meinem Zuhause kein Mobiles Netz.

Politisch gesehen ist meine Haltung bezüglich dieser Angelegenheit natürlich eine die Demokratie konterkarierende. Wie ich finde: begründeter maßen. Mit einem durchaus legitimen Urteil, das nun von Dritten über mein Verhalten gedacht oder ausgesprochen wird, mich träfe selbst die Schuld, wenn ich mich solchen wichtigen lokalpolitischen Entscheidungsprozessen entzöge, also keinen verantwortungsvollen Anteil an ihnen suchte, mit solch einem Urteil findet die Debatte, die ich eigentlich hier mit Ihnen beginnen will, nicht ihr Ende.

Die Debatte findet mit Ihrem Urteil, das vor dem Hintergrund all der stimmungsmachenden, populären Schlagwörter gefällt wird, ihren Anfang. Kennwörter, die das Zeug haben, alles aufzulösen, an das wir glauben und das wir für wahr halten: Politikverdrossenheit, Vertrauensverlust und neuerdings Postfaktische Wirklichkeit! (Ein schlimmes Wort!) Bevor wir diese nicht gerade Heil versprechende Debatte im dritten Teil meines Essays beginnen, will ich ihnen ein weiteres Beispiel nicht vorenthalten, wie es sich überall in Deutschland zugetragen haben könnte, wie es sich womöglich überall in Europa zuträgt (auch in der Schweiz) und in dessen Ausgang sich eine tragische Entwicklung ankündigt: Die Desperation des Individuums in seiner Polis.

Piazza di Popolo

Nun will ich Sie noch einmal ersuchen, sich selbst zu prüfen. Sollte ihnen die Lektüre langatmig oder uninteressant erscheinen, empfehle ich ihnen (ohne nennenswerte Versäumnisse) ins nächste Kapitel oder gleich in den dritten Teil des Essays zu springen.
Das folgende Beispiel steht exemplarisch für all jene Situationen, in denen ich mich vor bereits vollendete Tatsachen gestellt sehe; dies, weil ich womöglich überhaupt keine Kenntnis über einen bestimmten Vorgang erhalten habe oder ich mich im Vorfeld nicht genügend über ein bestimmtes aktuelles Vorhaben informiert habe. Ich erzähle im Präsenz, weil der Vorgang noch am Geschehen ist.
In unserer kleinen Stadt gibt es also einen zentral gelegenen nahezu quadratischen Platz, eingefasst durch 4 Straßenzüge und außenliegende, wunderschöne alte Gebäude, die dem Besucher einen würdevollen und so typisch fürstlichen, kirchlichen oder klösterlichen Besitz in den Sinn kommen lassen. Diese Piazza misst an die 90 Meter an jeder Seite und ist in ihrer Innenfläche begrünt, besitzt in einer Ecke der Grünfläche einen unscheinbaren, kreisrunden Teich und ist mit Wegen, Rabatten und ein paar Bänken versehen. Der gesamte Platz, und das verleiht ihm einen besonders romantischen Charakter, wird von einer beachtlichen Zahl uralter Kastanien beschattet.
Gleichwohl fahre ich eines Tages zusammen mit meiner Frau durch den Ortskern von Königsfeld, um die dort niedergelassene Apotheke aufzusuchen. Da werden wir beide gleichermaßen vom Anblick des in seiner Kahlheit riesig erscheinenden Platzes schockiert: sämtliche Kastanien, wir haben die genaue Anzahl nie wirklich festgestellt, sind gefällt worden. Uralter Baumbestand hat sich einfach in Luft aufgelöst und die gesamte Fläche ist von Bauzäunen eingeschlossen und von Baggern planiert. Erst Tage später stelle ich dort in einer Ecke eine große, bedruckte Fahne fest, auf der über das Bauvorhaben informiert wird. Zu sehen ist ein abstraktes Bild der Realität, wie sie geplant ist. Es ist die Prophezeiung der Gestalt, die dieser Platz in naher Zukunft annehmen wird. Eine parkähnliche Anlage wird gebaut, mit Wegen zur Mitte des Platzes hin wo sich der Betrachter einen in seiner Geometrie simpel gehaltenen, zylindrischen Brunnen aus achtelrunden Sandsteinsegmenten zusammengesetzt vorzustellen hat, ein paar Bänke und Rabatte und neu gepflanzte, junge Bäume, die hundert Jahre vor sich sehen, bis sie den Platz ausreichend beschatten werden. Vorrangig werden kostbarer Rotsandstein und Granitblöcke verbaut. Wunderbare Materialien sind das und dennoch entsteht für mich der Eindruck, als hätten sich die Stadtlandschaftsarchitekten an dem derzeit modischen, innenarchitektonischen Vorbild angelehnt, das in und vor den standartisierten Einfamilienhäusern, die derzeit in unseren Neubaugebieten entstehen, realisiert wird: klare Fluchten, viel heller Raum um wenig Mobiliar, granit-, sand- und braune Töne. Tatsache ist, dass derartige Bauvorhaben zur Zeit, wegen des niedrigen Zinsniveaus und den üppigen Zuschüssen von Bund und Ländern, so günstig sind wie nie und in Burlardingen, Hüfingen, Ochsenhausen, Dunningen und wie sie alle heißen mögen die Kleinstädte und Großdörfer, überall im Ländle entstehen. Was all diese Baumaßnahmen mit einer Verbesserung der Infrastruktur zu tun haben könnte, gibt sich mir nicht zu erkennen. Ob sie sich verschönern? Ein solches Urteil steht mir aufgrund der komplexen Sachverhalte und des in Mode gekommenen Geschmacks nicht zu. Die Ortsverbindungsstraßen zwischen Königsfeld und Fischbach oder weiterführend zwischen Fischbach und Niedereschach, die ich selbst häufig befahre, sind seit vielen Jahren ein einziger Flickenteppich und besonders marode. Das ist eine ungenügende Gegebenheit, deren Instandsetzung meiner Ansicht nach, wie die Errichtung des Funkmasts, tatsächlich mit einer Verbesserung der Infrastruktur zu tun hätte.

Nun könnte ich, einer, der sich in den etablierten Systemen überhaupt nicht zuhause fühlt und dem sowieso alles zu sperrig und zu umständlich erscheint, mir die Frage stellen, inwiefern bei einem Vorhaben, egal ob es sich um eine städtebauliche Maßnahme oder eine sonst die Allgemeinheit angehende Sache (aktuellstes wäre z.B. die Einrichtung von Ankerzentren an der Grenze zu Österreich) handelt, eine Partizipation der Bevölkerung erwünscht oder notwendig ist und mit welchen medialen Werkzeugen und Methoden eine solche Partizipation bestenfalls zu erwünschen, zu erhoffen oder zu erbitten sein könnte. Dies wäre sozusagen ein denkbarer, reformistischer Ansatz, der auf einer basisdemokratischen Grundlage erörtert gehörte und der bis zu seiner Umsetzung einen besonders langen, demokratischen Prozess durchlaufen müsste, um im Allgemeinen oder bezüglich einer bestimmten Sache Beschlussfähigkeit und Stimmenmehrheit zu erlangen. Doch diese politische Möglichkeit ist bereits Geschichte, bevor sie realisiert wurde.
„Zurück in die Zukunft“ oder „Vorwärts in die Vergangenheit“?
Mit diesem dialektischen Raum-Zeit-Manöver werden wir in Kürze in den desaströsen dritten Teil meines Pamphlets starten.

Der Vollständigkeit halber möchte ich meine Beschreibungen des zweiten Fallbeispiels mit einem Artikel aus dem Schwarzwälder Boten vom 25.04.2018 abschließen, aus dem sie einige Hintergründe und den historischen Umfang des politischen Geschehens diesbezüglich herleiten und die bereits bei einfach erscheinenden Sachverhalten entstehende sumpfige Komplexität erahnen können.

Zitat:

„Fördermaßnahme spült 2,34 Millionen Euro in die Kassen

Der Tag der Städtebauförderung in Königsfeld am Dienstag, 2. Mai, bietet allen Bürgern die Möglichkeit zur Besichtigung der Baumaßnahmen am Zinzendorfplatz. Interessierte können sich über die bereits begonnene Sanierungsmaßnahme des Städtebauförderprogrammes “Ortskern Königsfeld” aus dem Denkmalschutzprogramm West, kofinanziert vom Bund und dem Land Baden-Württemberg, am Zinzendorfplatz umfassend informieren.

Gleichzeitig besteht die Gelegenheit, sich ein Bild über die noch ausstehenden Sanierungsvorhaben zu machen. Die Veranstaltung beginnt um 17.45 Uhr am Rathaus Königsfeld mit Einführung durch Bürgermeister Link und anschließendem Rundgang auf dem Zinzendorfplatz mit offiziellem Spatenstich.

Die mehrjährige Fördermaßnahme wurde erstmals mit dem Zuwendungsbescheid für die Neuaufnahme in das Förderprogramm vom 20. Mai 2010 für den Bewilligungszeitraum von Januar 2010 bis einschließlich Dezember 2020 und einem Förderrahmen von 1,5 Millionen Euro und 900 000 Euro Finanzhilfe gestartet.

Der Förderrahmen von 1,5 Millionen Euro wurde mit weiteren Zuwendungsbescheiden auf 3,9 Millionen Euro erhöht. Dies entspricht einer Erhöhung der Fördermittel von ursprünglich 900 000 Euro auf 2,34 Millionen Euro. Eine weitere Erhöhung des Förderrahmens ist entsprechend dem Finanzbedarf bereits beantragt.

Die städtebauliche Erneuerung umfasst nach Abschluss der vorbereitenden Untersuchungen die folgenden Ordnungsmaßnahmen im Ortskern mit einer Gesamtfläche des Sanierungsgebietes von 21 Hektar: Neugestaltung Rathausumfeld, Abbruch Schulpavillon, Ordnungsmaßnahme Bismarckstraße 10 bis 12 (Hotelbrache), Abbruch Kurmittelhaus, Umzug Tourist-Info, Ausbau der Bismarckstraße, Hermann-Voland-Straße und Buchenberger Straße zu Straßen mit kurörtlichem Charakter, Gestaltung Zinzendorfplatz mit Grünflächen und Straßen, Ordnungsmaßnahme Hermann-Voland-Straße 6 bis 8 (Hotelbrache).

Hinzu kommen Baumaßnahmen wie etwa der Neubau des Bürgerbüros, Modernisierung der Friedrichstraße 5, Modernisierung des Rathauses, sonstige Maßnahmen in Form von Hinweisschildern für die Städtebauförderung und Vergütungen für die Verfahrensbetreuung bis zum Jahr 2020.“

Zitatende

Quelle (am 27.06.2018):

https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.koenigsfeld-foerdermassnahme-spuelt-2-34-millionen-euro-in-die-kassen.87b3e113-35a4-48f7-b007-d250a418e8d8.html

Königsfeld hat einschließlich der fünf eingemeindeten Dörfer derzeit 6053 Einwohner. Die Arbeitslosenquote in unserer Region liegt bei 2,5%.

Ich persönlich sehe keine Aufwertung des Dorfplatzes und befahre regelmäßig etliche Ortsverbindungsstraßen, die seit Jahren marode sind.

Fazit

Ein Rednerpult in die Mitte des alten Platzes gestellt. Ein Schüler-Quartett, das mit softem Smooth-Jazz zum allsonntäglichen Zusammentreffen einlädt, hätte mich womöglich eines Tages auf diesen zentralen Platz der Öffentlichkeit gelockt. Neugierig hätte ich womöglich den Sonntagsreden gelauscht oder selbst einmal eine gehalten. Doch so betrat ich diesen Ort bisher nicht ein einziges Mal und werde ihn wohl auch künftig nicht betreten. Ich werde zusammen mit meiner Frau auf dem Weg in die Apotheke den Anblick der alten Kastanien vermissen: Die Desperation des Individuums in seiner Polis.

Sie könnten meinen, das ist typisch kleinbürgerliches, resignatives Verhalten in einer typisch dörflichen Region. Doch sie irren. Ich wohnte und arbeitete, meist in sozialen Berufen als Betreuer, Lehrbeauftragter und Berater, 20 Jahre in München und 15 Jahre in etlichen anderen Großstädten Deutschlands. Dabei habe ich viele Leute aller Altersgruppen und aller sozialen Schichten (wenn man diesen Begriff überhaupt noch verwenden will) näher kennengelernt. Gleichgültig ob im Süden des Landes oder im hohen Norden, die verwöhnten Dösewesen verhalten sich gemäß der Sloterdijkschen Analyse primitiv (weil bequem), wenn sie solchen oder ähnlichen Situationen ausweichen. Das meine ich keineswegs negativ, vielmehr erachte ich es als ein die komplexe Welt vereinfachendes, wenig konfrontatives Verhalten; es ist rentabel und es scheint erzwungenermaßen überlebensnotwendig. Darüber hinaus stelle ich seit Beginn der „Homecomputerisierung“ in den späten 90ern fest, dass es einhergehend mit der schnell zunehmenden Digitalisierung einer stetig wachsenden Bemühung bedarf, seiner Meinung Gehör zu verschaffen. Offensichtlich lohnt es sich zunehmend immer weniger, eine Meinung zu äußern, bzw. sich überhaupt eine eigene Meinung zu bilden, denn wo fände sie auch ihren Niederschlag (die eigenen Kinder einmal ausgenommen). Solche Ideen sind darauf zurückzuführen, dass der Wert einer Meinung in diesem Zeitraum drastisch gefallen ist. Populärstes Beispiel hierfür ist folgendes: Trump twittert seine politischen Vorhaben und Entscheidungen und ändert sie sogleich wieder, ohne an Macht einzubüßen. Das hat wiederum mit der Mediatisierung unserer Alltagswelten zu tun, mit der Überinformiertheit und dem einhergehenden Werteverfall. Eine exakte Erörterung solcher Sachverhalte, verlangte dann allerdings einen fortführenden Diskurs in die Gebiete der Sozialforschung und der Kognitionswissenschaften hinein. Sie merken? Diese Welt ist komplex!

Erinnern sie sich an den Begriff Verantwortung? Nennen sie einen Namen, bezeichnen sie einen Menschen, der für irgendeinen all der Beschlüsse, die all diese Prozesse von ihren konstruktiven Anfängen bis hin zu ihren Realisierungen bedeuten, Verantwortung übernimmt? Fühlen sie die Schwerkraft? Wir haben uns von der Welt um uns herum entfremdet. Wir entfremden uns nun auch noch von uns selbst. Wir sind zwar überinformiert. Aber nur wenige Menschengrüppchen versuchen noch einen gewaltigen Prozess, der da im Gange ist, zu stoppen. Sie gelten als Angstbürger. Namenlose scheinen ihnen mächtig genug, im Hintergrund einen Einfluss auf die Geschehen zu nehmen. Doch auch sie sind bereits Funktionen in der Robotik, die sich der Welt bemächtigt. Alle scheinen bereits Teil einer gigantischen, orwellschen Maschinerie zu sein. Ein Populist nutzt lediglich ein Vertrauensvakuum und erfüllt nur die Funktion einem ungläubigen Volk, Sicherheit zu versprechen. Weshalb füllen Autokraten Fußballstadien? Die Fans glauben an sie. Es wird sich schon ein korrupter Schiedsrichter finden lassen. Nur Wenige, fünf, sechs werden sich die globale Macht teilen. Wir haben Angst, wird uns diagnostiziert. Ja, das erscheint mir auch alles sehr bedrohlich. Ich sehe mich immer wieder verleitet, den Anfang in 0911 zu suchen. Doch ich täusche mich, alles begann schon viel früher. Dann suche ich den Baum der Erkenntnis und finde ihn auch dort nicht – den Anfang.

Gen Himmel stehe sie als ein dramatisch‘ Bild. Eine ewig lange Leiter. Jede Sprosse gelte als ein Beispiel, das ein bestimmtes menschliches Versagen konstatiert und die gesamte Leiter statuiere in ihrer ganzen Höhe die Irreversibilität der Schäden. Eine Stufe um die andere steigt die Höhe und gleichsam die mediale Bedeutung der Beispiele. Deren Eingriff in die Welt, deren negatives Potential, deren destruktive Kraft. Klettern wir gemeinsam hinauf, gewinnen wir Sprosse für Sprosse an Kenntnis und Überblick. Irgendwann werden wir keine Luft mehr zum Atmen finden: Stuttgart baut einen Bahnhof, zeigt etwa eine Stufe in mittlerer Höhe. Ein paar Tausend Stufen höher: Plastikmüll gelangt massenhaft in die Ozeane. Wir klettern weiter: bewilligte Asylanträge werden zu massenhaften Straftaten stilisiert. Setzen wir bereits in schwindelerregender Höhe unseren Fuß auf den Dieselskandal, die Lähmung der Bundesregierung, die industrielle Macht gigantischer Automobilkonzerne. Und noch einige Hundert Stufen: Die systemimmanente Verantwortungslosigkeit global operierender Pharmakonzerne, und weiter oben: ein politisches System zwingt sich selbst in die Knie, Parteien erpressen einander, jüngst die CSU (Horst Seehofer) ihre Schwester die CDU (Angela Merkel). Stufe um Stufe. Der freie Fall des Kapitalmarktes und ihrer spekulierenden Köpfe. Der freie Fall der Freiheit. Hungersnöte. Kriege. Genozide. Flüchtlingsströme. Kein Mensch trägt die Verantwortung. Kein Ende der Leiter in Sicht. Ein Blick in die Ferne: wir sehen den Horizont. Terror. Medialer Horror. Das Gewölbe unseres blauen Planeten und ein Meer von lauter Leitern, die menschliches Versagen gen Himmel wachsen lassen. Wir fallen wieder zurück. Die Bienen sterben aus. Das Bein muss amputiert werden. Die Sepsis ist nicht zu stoppen. Jedes Vertrauen erlischt. Wir helfen Kröten über die Straße. Pflegeheime. Erneut ein Rückfall. Pestizide. Sterbehilfe. Bioladen. Antibiotika. Gentechnik. Wir glauben der Paprikaschote, dass sie eine Paprikaschote ist.
Wir landen Bruch.
Vegan ernährt, auf dem Bauch liegend, sehen wir mit geschlossenen Augen in die Zukunft.

Stopp!

Atmen sie einmal tief durch.
Lassen sie sich durch solche Geschichten nicht verrückt machen!

Noch einmal: tief durchatmen!
Schließen sie vielleicht für einen Moment die Augen.

Sie mögen mir diese angstmachende Kaskade verzeihen.

Sie lärmt ein wenig.

Denken Sie vielleicht an einen blauen Schmetterling, der lustig vor sich hin das stille Grün eines Teiches umflattert.

Wo doch gerade jetzt, in diesen unruhigen Zeiten, Ruhe und Besonnenheit eben nicht nur als Understatement des politischen Establishments angezeigt wird. (Verzeihen sie mir bitte auch diesen Zynismus.)

Nun hat die Deutsche National-Elf zum ersten Mal in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaft nicht das Achtel-Finale erreicht. Man sagt, müde sei sie geworden und in Grüppchen zerschlagen. Die Deutschland-Fahne, die am Balkon meines Vaters hing, wurde inzwischen abgehängt. Und das, obwohl die Meisterschaft noch in vollem Gange ist.

Wir werden ein Banner an der Süd-Fassade unseres Hauses anbringen.
Wir werden künftig Flagge zeigen: Europa!

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