Der Archivar

Ich hatte einen Traum: ich träumte von einer Menschheit, deren Individuen ihren Anfang als Jäger und Sammler nahmen, die anlässlich unterschiedlichster Beweggründe seit Anbeginn bestrebt waren, die für sie bedeutenden Dinge zu horten, zu verstecken und zu vergraben. Nachkommend einiger zivilisatorischer Entwicklungen, also Jahrtausende später, begannen sie schließlich das Sammeln und Aufbewahren. Die Bemühungen wandelten sich, der Entwicklung von Bedeutung und Wert der Sachen folgend, von Epoche zu Epoche und galten der Anbetung oder dem öffentlichen Gedenken, der persönlichen Erinnerung, der Weitergabe an etwaige Nachkommen, der Anhäufung von Vermögen oder gemeinhin der puren Lust am Sammeln. Was immer auch ihre persönlichen oder amtlichen Motive gewesen sein mochten, sie taten dies meist unbeirrt, selbst entgegen einer offen ausgetragenen Geringschätzung, die durch Fremde und Außenstehende den Sammlerstücken zugesprochen wurde. Es mochten kleine und große, oft private, historisch wichtige oder hochgeschätzte Erinnerungsstücke oder nur einfache Gegenstände gewesen sein: Bern- und Edelsteine, Muscheln, Hörner und Klauen des erlegten Wilds, in jüngerer Zeit dann vorrangig Bücher, Skulpturen oder Gemälde, die schließlich für das gemeine Volk, im Sinne der Pflege von Kultur und Geschichte aufbewahrt wurden.

Meine Schwiegereltern, beispielsweise, ersparten sich im Laufe von mehreren Jahren jene kostbare Brockhaus-Enzyklopädie mit Kopfgoldschnitt und Ledereinband, der so viele Menschen, die in unserer Zeit lebten und sammelten, einen besonders hohen Wert beimaßen, nicht nur wegen des Wissens, das darin aufzufinden war, sondern insbesondere der qualitativ gelungenen und optisch ansprechenden Ausführung wegen. Dann allerdings sahen sie sich gezwungen, aufgrund eines Umzugs und angesichts der Tatsache, dass ein Vielfaches der Inhalte des namhaften Nachschlagewerkes in der Zwischenzeit dank findiger Online-Pioniere zu unser aller freien und kostenlosen Verfügung gestellt worden war, ihre 24-Bändige Brockhaus-Ausgabe abzustoßen. Sie versuchten die Sammlung im Internet zu verkaufen: vergeblich. Also landete das einst so kostbare Werk im Altpapier. Mir war damals zum Heulen, wirklich. Aber auch ich hatte mich bereits auf das Recherchieren im Internet festgelegt und darüber hinaus hätte sich für eine so umfangreiche Ausgabe keinen Platz mehr gefunden, denn in meinen Bücherregalen standen unverzichtbare Werke bereits hintereinander in zweiter und dritter Reihe.
Die Menschen in meinem Traum sammelten also unzählige, Bücher, Fotos, Briefe und andere Dinge und verstauten diese wiederum in Schubläden, Regalen und Kisten.

Ich träumte zum Beispiel ganz deutlich und klar, so als wäre das erst Gestern gewesen, meine Cousine, wie sie mir als junges Mädchen begeistert blätternd ihr Poesiealbum präsentierte, in das sie glitzernde Abziehbildchen als Dekoration ihrer Tagestexte geklebt hatte. Sie war ein Kind gewesen, vielleicht im Alter von Zehn Jahren, hatte sich mit einem stibitzten Lippenstift ihrer Mutter die Lippen Rot gemacht und ihre blauen Augen leuchteten vor lauter Freude.

Und dann erträumte ich mir die duftenden Blüten und Kräuter, die meine Großmutter mitsamt Stil und einem Blatt zwischen den Seiten schwerer Bücher presste und mit Hilfe von beidseitig hinzugelegtem Fließpapier trocknete. Erst Monate später klebte sie die flachgedrückten Exemplare – wobei mache dabei schlicht vergessen worden waren und erst Jahre später von einem ihrer Enkel zufällig wiederentdeckt wurden – vorsichtig in eines ihrer Alben, die ihren Platz auf dem Buffet in ihrer Küche gefunden hatten; auf den Buchrücken hatte sie jeweils ein breites Pflaster geklebt, auf das sie in chirographischer Präzision kalligraphische Schriftzeichen gemalt hatte, und somit den Inhalt als „Kräuter und Düfte zur Heilung“ mit Schnörkeln und Kringeln registrierte.

Meine Mutter trat auch in Erscheinung. Sie, die es sich zur Leidenschaft gemacht hatte, neben anderem Krimskrams extravagante Blumenvasen zu sammeln, war nie an einem interessanten, besonders attraktiven Stück vorbeigekommen, denn hatte sie einmal ein Objekt angesprochen, so musste sie es auch kaufen und Zuhause in einer extra dafür vorgesehenen Vitrine zur Schau stellen.

Alle möglichen Menschen kamen in meinem Traum vor, auch etliche, die ich überhaupt nicht zu kennen glaubte. Sie schichteten alle möglichen Sachen in Schränke, lagerten sie auf Dachböden, stellten sie in Museen aus, stapelten sie in Antiquariaten über- und hintereinander, deponierten sie in Kellern und Lagerhallen.

Und während ich so träumte, hatte ich fortwährend ein dumpfes Gefühl, das den ganzen Traum von Anfang bis Ende bedrücken sollte und das stetig anschwellte. Was immer ich sah, es vermittelte einen seltsamen Eindruck des Veralteten, als wäre all das bereits längst vergessen: völlig unbedeutende Geschichten, in einer sepiagefärbten Bilderfolge präsentiert. Dieses drückende, ja, sich nahezu bedrohlich anfühlende Wummern stellte – jedoch noch immer im Unklaren – nach und nach das Hauptthema dieses Traumes vor, das mir nun immer klarer vorkam: es bedeutete eine anscheinend unübertreffliche Methode der Sicherung schlechterdings sämtlichen Wissens.

Die ganze Menschheit war zum Bewahrer einer großen Gesamtheit geworden: Sie sammelte alles, was der Bewahrung wert geworden war.

Meine Traumbilder von leidenschaftlichen Sammlern, die jedes ihrer kostbaren Stücke mehrmals täglich inspizierten und pedantisch ihren Zustand prüften wie auch jene, kleinmütigen Verwahrer, die, ihr Pflichtbewusstsein stand ihnen ins Gesicht geschrieben, in tiefer Ergebenheit ihrer Herrschaft dienten, wurden von einer altertümlichen, sepiafarbenen Kolorierung überschattet. In diesen Szenen befanden sich einige besonders massige Gestalten, die ihre Asservate im Geheimen und unter Verschluss aufbewahrten, sie erschienen typischer Weise kahlköpfig, hatten einen finsteren Blick und schauten sich misstrauisch um, während sie eine mächtige Tresortür öffneten.

Manche wiederum zeigten sich ganz anderen Charakters, restaurierten gegebenenfalls Bildnisse und besserten heilige Statuen aus, damit diese auch bis in alle Zukunft den gläubigen Betrachtern eine Freude und eine Bereicherung würden sein würden.

Unter ihnen erschien mir ein besonders auffälliger Kandidat, ein alter Freund, er hatte stets von oben bis unten schwarze Kleidung getragen. Ja, wirklich: alles Schwarz an ihm, auch die Haare, der Bart und die Mütze, die er nie absetzte! Er war Restaurator von Beruf und ich, an einem Buch schreibend, hatte ihn einst wochenlang dabei beobachtet, wie er ausdauernd auf einem Gerüst herumbalancierte und geduldig ein altes Fresko in einer Kapelle auf der Zwiefalter Alb ausbesserte; wie anspruchsvoll eine solche Arbeit ist, wie viel Mühe, Muse und Sachverstand sie beansprucht. War er nicht von der Katholischen Kirche beauftragt worden?

Andere, darunter besonders exotische Typen, fertigten Kopien von Gemälden und sonstigem handwerklichen Zeug; die Kopien wurden zur Ausstellung, ja, selbst zu deren versuchsweiser Benutzung verwendet, um die an sicherem Ort verwahrten Originale vor ihrer Abnutzung oder gar ihrer Zerstörung zu bewahren.

Ich träumte also diesen Traum eine ganze Zeit lang hin und her durch die Jahrhunderte hindurch und hatte ein gutes Gefühl beim Betrachten der teils leidenschaftlich, teils akribisch, teils lustig und teils pedantisch anmutenden Gestalten in ihren archivarischen und konservierenden Bemühungen, die ausnahmslos der Erhaltung und Vermehrung ihrer besonderen Sammlungen dienten. Allerdings wurde dieser Bilderstrom, wie bereits angedeutet, permanent durch jene dunkle Vorahnung bedrückt, die vom Vergehen, vom Vergessen und vom Verfall dieser Werte und all dieser Kostbarkeiten kündete.

Diese Unmengen von vermeintlich Erhaltenswertem verdichteten sich nun zusehends in einem dunklen, mich angehenden Hintergrund und schlichen sich so in das ansonsten wundersame, bunt bebilderte Traumgefühl. Und neue, mir fremde Figuren erzeugten nun plötzlich – in den historischen Dimensionen des Geträumten, nun aber erst seit Kurzem – zum Zwecke der Bewahrung Unmengen von Bild- Ton- und Textmaterialien, transcodierten die für bedeutungsvoll erachteten Sachen als Antiquitäten in digitale Dateien und asservierten diese wiederum in riesige Datenbanken. Datenbanken, die schnell ungeheuerliche und problematische Ausmaße angenommen hatten.

Jene, das Ende des Traumes beschwerende Tünche, die mir nun wie eine nachtblaue Beschattung erschien, bildete mir den General-Verlust des gesamten Bestands ein, der im weiteren Verlauf immer mehr an Gestalt gewinnen sollte und schließlich in einer die Traumlogik abschließenden Szene gipfeln musste. Dieser letzte Akt spielte sich also in etwa folgendermaßen ab:

Ich saß plötzlich in der ersten Reihe vor einer riesigen Bühne, die sich in einigem Abstand vor mir und in mäßiger Höhe von vielleicht einem Meter erhob. Der Hintergrund war in jenem besonders dunklen Nachtblau gehalten und bestand vermutlich aus einem schwarzen Tuch, das irgendwie blau beleuchtet war. In der Mitte der Bühne stand ein gläsernes, vollkommen transparentes Rednerpult mit einem Mikrofon, einem Glas und einer Flasche Wasser. Licht fiel in einem spitzen Kegel warm und satt auf diese Stelle herab und hielt das Dunkelblau des Hintergrunds noch dunkler zurück.

Vom ersten Augenblick an war ich mir ziemlich sicher, dass ich mich als einen berühmten Schriftsteller träumte mit einem wunderbaren Gefühl, ganz in vorfreudiger Erwartung, so als würde mir gleich womöglich ein begehrter Literaturpreis verliehen werden. Ich befand mich also in einer riesigen Halle, wohin ich offensichtlich als ein wichtiger Gast geladen worden war, denn ich saß in der ersten Reihe. Wie ich schnell aus den Gesprächsfetzen schlussfolgern konnte, die ich aus den Reihen hinter mir vernahm, musste es sich vermutlich um einen Kongress handeln, der sich mit einem bedeutenden Thema beschäftigte, zu dem ich selbst – das hatte ich offensichtlich völlig vergessen und es kam mir jetzt urplötzlich wieder deutlich vor die Augen – bereits einige investigativen Recherchen in Kairo und Istanbul angestellt hatte. Schnell gewann ich nun an Orientierung und war mir sicher, dass es sich hier um die Behütung der weltweiten Daten-Schätze, die über alle Erwartungen hinauswachsenden Volumina und die damit verbundenen globalen, vor allem aber energetischen Herausforderungen handeln musste. Das klang in meinem Traum erst einmal befremdlich und kompliziert, war aber bei auflösender Begutachtung der langen Traumsequenzen, die ich zuvor in jenem in Sepia getünchten Eindruck geträumt hatte, ziemlich einleuchtend und naheliegend. Ich war sozusagen traumatisch vorbereitet und ahnte, dass alle gegenständlichen „Alten Werte“ in meinem Traum bereits verfallen waren oder zerstört worden waren, ich sie also nur noch träumerisch erinnernd reflektieren konnte, und es hier und jetzt nur noch um den Erhalt der einzigen, noch verbliebenen Werte gehen konnte, namentlich die Digitalen Werte. Ich war ein Zeitzeuge.

Ich blickte um mich, zurück, über viele Menschenreihen hinweg, bis ans entfernte Ende der Halle. Es waren kaum mehr Plätze frei geblieben.

Alle wichtigen Archivare der Welt waren also hier zusammengekommen, die Weltpresse, bekannte Autoren, Berichterstatter der Telemedien, überall standen Digitalkameras auf Stativen herum, Blitzlichter digitaler Fotoapparate und Handys waren ringsum zu sehen und wie ich hörte, erwarteten alle gespannt die Hauptrede des CEO (Chief Executive Officer) der WCO (World Cloud Organisation) Sundar Pichai. Wirklich! Den Namen träumte ich! Sundar Pichai, er war inzwischen ein alter Mann, würde trotz seiner 85 Jahre alsbald in seiner gewohnten Agilität in Erscheinung treten, so zumindest schien es der Plan vorzusehen.

Nachdem der Moderator, ein junger, resilienter Herr in beigefarbenem Anzug, farblich zum Anzug passenden Lackschuhen, mit einem blonden Vollbart und einer seidig glänzenden roten Schärpe, seine Begrüßungsrede beendet hatte, war es also soweit und aus der ersten Reihe erhob sich eine Gestalt, legte ein graues Tuch, mit dem sie sich bedeckt gehalten hatte, auf ihren Sitz zurück und bewegte sich nun zügig auf die sieben Stufen zu, die seitlich der Mitte zur Bühne führten.

Sogleich erging ein Raunen durch die Reihen, denn die Person, die sich da anschickte, die Bühne zu betreten, trug ein weißes, völlig transparentes Netzkleid, nein, eigentlich handelte es sich eher um eine Art Umhang, eine besonders grob gewebte Gase, die eigentlich mehr große Löcher besaß als Fäden oder Stoff und dem grauhaarigen Mann gerade noch über das Gesäß reichte. Der Körper erschien jedenfalls eher vollkommen nackt, als dass er irgendwie stofflich bedeckt gewesen wäre. Die ersten Stufen nehmend, drehte sich der Mann halb um und grinste über die Reihen hinweg. Sogleich mussten ihn alle erkannt haben, gemerkt haben, wer er war, denn das Raunen hob an. Während er die Treppe hinaufging, kratzte er sich an seinem Hinterteil und an etwas, das zwischen seinen Gesäßseiten herunterbaumelte. Es schienen alte, schon ledrige Hämorrhoiden zu sein, zu diesem Schluss mussten jedenfalls all jene Zuschauer gekommen sein, die in den vorderen Reihen saßen und genau hingeschaut hatten. Diese Szene war nur von kurzer Dauer, sie war aber deutlich zu sehen und der Akteur gab sich besonders natürlich und selbstbewusst. Die Kostümierung, die er in dieser offensichtlich einstudierten, demonstrativen Bewegungsart in Szene setzte, sollte zweifellos dem Publikum den höchsten Grad an möglicher Aufmerksamkeit abringen. In dieser halb zurückgewandten Geste witzelte der Mann uns zu, während er die letzten Stufen erklomm und zog dazu eine Miene besonders intimer Verlegenheit, ja, als käme der Leidende nicht umhin, sein bislang verwahrtes und gehütetes Leiden, nun, auf diese Weise und zu dieser großen, passenden Gelegenheit an die Öffentlichkeit zu bringen.

Das besondere dabei aber war, dass es sich nicht um den im Programmheft angekündigten Sundar Pichai handelte, der da wider Erwarten die Bühne betrat. Vielmehr war in diesem unverkennbaren Lächeln eine Schauspielerberühmtheit am Gange, die trotz des hohen Alters eine humorige und auf ihre Art groteske, von einer für sie typischen Gelassenheit dominierte, dennoch freudvolle und spielerische Verlegenheit zeigte, unverkennbar ihre eigentümliche Bewegungsart ausführte und uns angesichts der leiblichen Blöße eine beschämende und gleichsam parodistische Mimik vorführte, eine Mimik, die in diesem bescheidenen Auftritt vor Charme nur so strotze. Es war kein Geringerer als William James Murrey, kurz Bill Murrey, der da einem Welt-Publikum ein Spiel vorführte und offensichtlich eine zentrale, wenn nicht die bedeutendste Rolle in der Menschheitsgeschichte überhaupt angenommen hatte. Die ganze Situation war von jener, für ihn charakterlich so typischen Tragik und Komik getragen, die wir alle so gut an ihm kannten. Murrey hatte sich einen weißen Bart stehen lassen und eine schwarz gefasste Brille aufgesetzt, um dem Aussehen Sundar Pichais möglichst nahe zu kommen.

Bill Murrey also. Er war es, der da den Pichai spielte. Und er spielte ihn gut.

Er gab sich gefasst, zog noch immer einen Mundwinkel hoch und trat – wobei er nun Pichai‘s lässige Art, sich seinerseits zu bewegen, imitierte – also mehr oder weniger nackt, offen, mutig und freundlich hinter das gläserne Rednerpult ans Mikrofon. Sein Zeigefinger prüfte mit einem leichten Klopfen das Mikrophon, wie er es immer machte, deutete dann mit ihm auf seinen Hintern und sagte ins Mikro: „Die Dinger werden nun auch in die Geschichte eingehen! Habt ihr sie alle im Kasten?“

Murrey war jenseits der Hundert und traf die Lockerheit Pichais mit seiner immer noch herausragend schauspielerischen Präzision bis auf das i-Tüpfelchen.

Er beugte sich ein wenig über das Mikrophon und sagte: „Wir alle sind ein einziger Archivar. Wir alle sind der Archivar einer einzigen lebendigen Struktur!“ Die Halle tobte. Die Stimme des Schauspielers erklang auf eine auffällig polyphone Weise, als wären die beiden Männer in ein und dieselbe Gestalt geschlüpft und vor dieses sehr bedeutende Publikum getreten. Es hörte sich an als redeten sie nun, wie aus einem Munde.

Und plötzlich war es von Vorn bis Hinten mucksmäuschenstill im Saal. Plötzlich erinnerten sich alle betroffen und fühlten sich persönlich angesprochen. Ihre Werte existierten ausnahmslos nur noch in digitaler Form und das wurde jedem Anwesenden in diesem Moment bewusst, und das wurde auch mir jetzt schlagartig klar, denn es existierten überhaupt keine erfahrbaren Werte mehr, sie waren alle gealtert, verfallen, zerstört, überflüssig, zu teuer in ihrem sepiafarbenen Erhalt oder schlicht vergessen worden.

Ich erwachte mit diesem Satz: „Wir alle sind ein einziger Archivar. Wir alle sind der Archivar einer einzigen lebendigen Struktur!“ Und mit einem außergewöhnlich guten Gefühl stand ich auf und notierte diesen in seinen Bildern so herrlichen und in seiner Handlung so verrückten Traum, den ich wohl so schnell nicht würde vergessen können, wären da nicht all die relevanten Dinge um mich herum.

Einige Tage später nämlich, verfolgte ich eine Rede des amtierenden Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble, die er zur Eröffnung der Staatsbibliothek Unter den Linden hielt. Die Bibliothek wurde für knapp eine halbe Milliarde Euro, Sechzehn Jahre lang saniert.

Ich bin stolz auf Berlin! Echt! Fünfundzwanzig Millionen Bücher, Medien und Objekte werden künftig in ihr lagern und mithin geistige und kulturelle Schätze der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich habe das mal eben überschlagen, rechnen Sie mal mit: 475 Millionen Euro dividiert durch 25 Millionen Bücher, das ergibt eine stolze Wertsteigerung von 19 Euro pro Buch. Dabei werden Tausende der Werke bereits als eBook oder EPUB für 99 Cent zum Download angeboten. Das heißt, ihr realer Wert, zumindest ihr Marktwert ist bereits erheblich gesunken und wird aller Voraussicht nach weiter sinken. Das ist uns allen bekannt. Doch wir wollen uns erst einmal zügeln, keine voreiligen Schlüsse ziehen und zunächst die Worte des Präsidenten des Deutschen Bundestages anhören.

Herr Schäuble beugte sich also während er redete auffällig tief über sein Manuskript und sagte in ruhiger, nahezu stoischer Tonlage, dass es heute zur vornehmlichen Aufgabe von Bibliotheken gehöre, kommerzielle Informationsmonopole zu verhindern. „Gerade in einer digitalisierten Öffentlichkeit brauchen wir neutrale und verlässliche Institutionen, die Wissen dokumentieren, zugänglich machen – und ja, auch filtern!“ Schäuble hielt während seiner Rede meist seinen Blick gesenkt. „Die internationale Gemeinschaft darf diese Gratwanderung nicht den Monopolisten überlassen. Wir stehen vor der globalen Herausforderung, das Internet zu regulieren.“

Ich persönlich finde es ganz schön teuer und aufwändig, so eine Staatsbibliothek zu erhalten und die Dinge, die in ihr aufbewahrt werden, den Berlinern und Berlins Besuchern zugänglich zu machen und diese Schätze für die Nachwelt auf diese Weise zu bewahren. Beileibe jeder, der Bildung und Wissen dringend nötig hat, kann sich eine Reise nach Berlin nicht leisten und träumt bestenfalls von einer solchen. Das könnte bedeuten, dass der Betrieb doch eher einen musealen, also einen die Dinge verwahrenden, bzw. ausstellenden, anstatt bildungs-publiken Charakter erhalten wird, wie er sich in so vielen Bibliotheken der Welt bereits etabliert hat. So wird auch ein Besuch der Staatsbibliothek künftig wohl eher touristischen Charakter haben. Ein solches Schicksal, und hier wage ich eine Prognose, wird in absehbarer Zeit vermutlich alle möglichen Bibliotheken ereilen. Beispielsweise ist im barocken Clementinum oder in einer noch altertümlicheren Ausführung, die der Besucher nur noch von der Eingangstür aus betrachten darf, weil die feuchte Atemluft die Werke und Fresken gefährden würde, nämlich in der prämonstratensischen Strahov Bibliothek in Prag eine ausschließlich touristische Nutzung seit vielen Jahren gang und gäbe. Das könnte bedeuten, dass Wissen eben nicht durch die Bewahrung von Originalen, sondern nur durch deren Neuauflagen erhalten werden kann. Dies einmal vorausgesetzt, erhielte die digitale Methode einen unschätzbaren Vorsprung.

Der akzentuierte Hinweis in Schäuble’s Rede auf eine bereits in Frage stehende Filterung des wohl für jedermann erschwinglichen (weil digital), wenn auch nur digital dokumentierten Wissens, verweist mithin auf eine Wertung, bzw. Werteinschätzung und somit auf eine mögliche Zensur, die gezwungener maßen jedem Prädikatisieren vorauslaufen müsste. Eine literarisch-wissenschaftliche und pädagogisch-veritable Beurteilung von Güte, Wert und Bedeutung der Inhalte ausgesuchter Werke (anhand welcher Methode und in welcher Sprache würden diese selektiert?), wäre nur durch eine fachkundige, höchst professionell durchgeführte Sichtung realisierbar und würde nur vermittels anhängiger Diskussion und Abstimmung mehrerer Gutachter über ein und das je selbige Werk möglich. Derlei Überlegungen halte ich angesichts der unvorstellbar hohen Anzahl von Büchern, insbesondere von sekundär- oder tertiär-wissenschaftlichen Werken, für völlig absurd. Darüber hinaus stünden einem derartigen Unterfangen der individuelle Geschmack des Lesers, der fakultativ orientierte Fokus auf einen Sachverhalt und insbesondere eine Vielzahl gesetzlicher Regelungen im Weg.

Ob sich also rückblickend und zusammenfassend die Investition in eine Staatsbibliothek am Beginn eines Digitalen Zeitalters auszahlen wird, bleibt abzuwarten und wird wohl nie wirklich ermittelt werden können. Wenigstens liegt diese Sache weder in meinem Ermessen, noch kann sie im Ermessen einer Gruppe von Spezialisten, eines ganzen Volkes oder eines Bundestagspräsidenten liegen.

Ich werde mir ein vorurteilsfreies Urteil hierüber wohl niemals bilden können.

Aber! War mein Traum nur ein Traum? Wirklich nur ein Traum?

Ein letztes Denkwürdiges noch:

Wegen der Pandemie wurde die imposante Staatsbibliothek nur digital eröffnet.

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