9. Coadapted Meme Complex

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Meine Leute und ich sind geneigt, den verinnerlichten Gehalt eines Phänotyps als „Mem“ anzunehmen, also als eine bewusste Gestalt des Innerlichen, das kann ein Gedanke, ein Gegenstand oder ein Gefühl sein. Wir beabsichtigen, eine uns wichtig erscheinende Erkenntnis des Evolutionsbiologen Richard Dawkins anzuführen. Wir tun dies, um den Kreis des Gegenwärtigen über das Dingliche hinaus auf ideelle Gegebenheiten, beispielsweise die kulturellen Bestände, auszuweiten.

Die Einschreibung des Apperzipierten in die lebendige Struktur „Mensch“ gelingt nur der lernfähigen Gestalt, dem Kinde, wie dem Erwachsenen bis ins hohe Alter, freilich nur in praxi agiler, von Neugier und Wissbegierde angetriebener allgemeiner Kunstfertigkeit, die ihn die ihm eigenen Urteilskräfte (jene kantischen) auch gegen sich selbst auszuüben und seine Kenntnisse gegebenenfalls zu erweitern, in die Lage setzt.

Die Kunstfertigkeit ist in der „Memetik“, d. i. das Prinzip der Informationsweitergabe nach Dawkins, u. E. dieselbe, wie diejenige auf Apperzeption und umfängliche Akzeptierung gerichtete sinnliche Kunstfertigkeit. Wir wollen die Suche nach einem Unterschied nicht weiter vertiefen, aber soviel sei gesagt: die Memetik (oder der Mem-Komplex) macht keinen Unterschied, ob eine „Information“ als ein Datum, eine Chiffre, ein Satz, ein Gedanke oder als Erbinformation auf einem DNA-Abschnitt gegeben ist. Die von Dawkins so genannten „Meme“ könnten als sozialpsychologische Entsprechung des Gen interpretiert werden, die u. a. erinnert, gesehen, ausgelesen als die Gehalte von auf einem beliebigen Medium gespeicherten „Phämotypen“ gelten. Die Bewusstseinsgehalte werden als Meme „gespeichert“, die „Memotypen“ als deren Abbild oder Muster zur Weitervermittlung „produzieren“. Wir erwägen diese bio-technische Herangehensweise auf dem Grunde eines Faszinosums in unsere Überlegungen zu integrieren, nämlich: „Memplex“ (coadapted meme complex) simplifiziert das Verhältnis zwischen „Datenträger“, der beschrieben oder gelesen werden kann, und „Datum“, das geschrieben oder abgerufen werden kann. Wir sehen in „Coadapted meme complex“ einige Analogien, z.B. das Oszillieren zwischen sinnlicher Anschauung und Sendungsquelle bis im Erkennen, respektive im Wiedererkennen oder in Kombinierung die Identität der Gestalt als die ihre isomorphe Gestalt akzeptiert wird, die uns in der hier erörterten Thematik womöglich etliche Erleichterung bei unseren psychologischen und phänomenologischen Überlegungen verschaffen könnte. Die Fragen nach den „Sendungsinhalten“, was also der Informationsgehalt einer Äußerlichkeit nun eigentlich sei, sodass er, als Ganzes in menschlich sinnliche Anschauung gebracht, eine isomorph nachgezeichnete, erinnerbare Gestalt im „menschlichen Datenträger“, dem „Gehirn“ abzubilden vermöge und ob und inwiefern sich im prozesshaften Geschehen sinnlicher Anschauung „Sendung“ und „Empfang“, respektive „Empfänger“ und „Sender“ wechselseitig bedingten, dürften vorläufig spekulative, aber besonders spannende Ergebnisse provozieren. Wir gehen hierin etwas ganz alltägliches an. Wir beobachten uns selbst bei unserer Beobachtung, als dass beispielsweise eine brennende Kerze in unserer sinnlichen Anschauung auf eine ganz eigentümliche Weise niederbrennt: sie (die Kerze) wird in ihrer zeitlichen Dimension, d. i. in sinnlicher Anschauung vermittels der Daten ihrer isomorphen Gestalt an sich zurückgegeben, isomorphe und physische Gestalt verschmelzen während dieses oszillierenden Datenaustauschs zur metamorphischen, in actio sinnlicher Kunstfertigkeit, also zu ein und derselben brennenden Kerze, innen, wie außen. Die abbrennende Kerze ist identische Innerlichkeit und Äußerlichkeit. Der stoische Blick, d. i. der Blick in Übereinstimmung mit sich selbst und der Natur, in die zart flackernde Flamme und das geistige Driften in ein „Ab“ unserer Aufmerksamkeit, in außergegenständliche, außersprachliche Sphären, jenseits jedes Datenaustauschs, also auch jenseits jenes Memplex, belegen auf einer rückwärtigen Seite (vielleicht hat auf einer Rückseite diese Art außersinnliche, oder jetzt besser sinnlose Kunstfertigkeit ihren Raum) unseres Aktes von Anschauung ein Wesentliches des Ganzen an sich.

Menschliche Kunstfertigkeit (hier nun die sinnliche und die sinnlose) zielte in dieser Drehung jedenfalls genau auf dieselbe außerordentliche Verstandestechnik, die ja am Ende des Gedankens auf geradem Wege in ein und dasselbe extraordinäre Gefilde des gesunden Menschenverstandes führen müsste, in welchem die Zeit an sich und all das, was in ihr folgerichtig sich erschließt, als eine rein menschliche „Findung“ sich zu verstehen gibt und in consequentia sich selbst als eine solche auch anzuerkennen erzwingt, nämlich als eine  Zeitlichkeit, die aus der Ewigkeit, d. i. Zeitlosigkeit, d. i. womöglich Abseitigkeit herausspringt. Diese Drehung, würde sie wider jeder spekulativen Vernunft im Pakte einer globalen Übereinkunft vollführt, forcierte Unmengen anhängiger zivilisatorischer Umgestaltungen, die zusammengenommen das gesamte menschliche Laboratorium auf den Kopf stellen würden, denn hinter jedem gewöhnlichen Gedanken, den ein Mensch zu denken in der Lage ist, würde plötzlich jene logische, rationale, forschende Textur zum Lichte der wunderlich integralen Lebendigkeit des Ganzen gebracht und zerfallen. Der „neue“ Mensch würde womöglich Drehung um Drehung um das lodernde Feuer seiner eigenen Erkenntnis tanzen, ganz so, als gelänge dieses Kreisen zu einem oszillierenden Akt von Auskehr zur Einkehr, von Vorkehr zur Rückkehr, von Vorsicht zur Rücksicht […], in reiner Empfindung von Raum und Zeit gelänge die Drehung als eine Bewegung von berauschender Drift durch die téchnē hindurch, hinein in „die natürliche Schwerelosigkeit des Ganzen“. Der Naturforscher im Menschen würde in einer ekstatischen Bewegung, die sowieso nur unter Bemerkung seines erbärmlichen Daseins, unter Auslassung aller teleologischen Absicht und in einem tranceartigen Vollzug denkbar wäre, demütig einsehen müssen, dass diese auch noch so winzig erscheinende Korrektur seiner Haltung, so er sie überhaupt an sich auszuüben in Kondition zu sein vermöge, die Einheit alles Inneren und Äußeren, also die Einheit alles „Einenden“, d. i. alles „Entscheidende“, also alles „Weitere“ im Ganzen ermöglichte.

Nun, da der Naturforscher selbst die Bewegung der Korrektur wäre, eine Bewegung also, die, in gewissenhafter Erwägung einer metamorphen Bestimmung betreffs jener ein- und ausgehenden Datenströme (Memplex), bedeutend mehr als nur ein Gegenwärtiges ausgäbe, weit mehr also auch eingäbe, als bloße bewegte Gegenwart, es also eine Bewegung wäre, die objektive Beobachtungen gar nicht zurückzulassen in der Lage wäre, sie vielmehr entschlüsselt als lauter Nullen und Einsen mit sich risse, als zwar für sich bedeutende, wenn auch bloß klitzekleine Momente des Ganzen, so würde er sich selbst, in seiner Bewegung von Korrektur seiner Selbst, alsdann – eingedenk jenes technischen Tricks einer Zeitlupe – an jenes Fenster heranführen, sich an deren virtuellen Scheibe in einem simplen Sprung an sein Nichts verlieren und das gesamte Irdische und Kosmische, d. i. das Ganze, das ganze gegenständliche Es, mitsamt der geistigen Vorstellung aller nur denkbaren Daten, die ja auch nur ein Gegenständliches seiner Vorstellung seien, jenseits der virtuellen Scheibe in jenem schwarzen Loch untergehen sehen. Was wäre dann, noch, darüber hinaus?

Mit Gesagtem wollen wir weder irgendeinem in Mode geratenen Okkultismus das Wort reden, noch den weitverbreiteten Depressionen aberwitzigen Vorschub leisten, sondern wir wollen ganz bewusst unserem Gefühl nachgeben und unserer Zeit-Raum-Empfindung ein großes, dunkles Gefühl dem Ganzen gegenüber einimpfen, das seinen Ursprung im „Unsinnlichen“ Hegels sucht: „Die Zeit ist wie der Raum eine reine Form der Sinnlichkeit oder der Anschauung, das unsinnliche Sinnliche, – aber wie diesen, so geht auch die Zeit der Unterschied der Objektivität und eines gegen dieselbe subjektiven Bewusstseins nichts an. Wenn diese Bestimmungen auf Raum und Zeit angewendet werden, so wäre jener die abstrakte Objektivität, diese aber die abstrakte Subjektivität. Die Zeit ist dasselbe Prinzip als das Ich = Ich des reinen Selbstbewußtseins [als das Ich, das Ich des reinen Selbstbewusstseins ist]; aber dasselbe oder der einfache Begriff noch in seiner gänzlichen Äußerlichkeit und Abstraktion, – als das angeschaute bloße Werden, das reine Insichsein als schlechthin ein Außersichkommen.“ (Hegel, Enzyklopädie, §258)

In genau dieser seelischen Korrektur-Bewegung ankommend, die unserer Interpretation nach in vorstehendem Zitat lediglich ersehnt wurde, würde sich unser kleiner Naturforscher in goethescher Manier vor der Blume in die Wiese werfen, um Es zu studieren, anstatt es aus dessen Welt als Ganzes herauszureißen und in newtonscher laborierender Weise in seine Einzelteile zu zerlegen, gerade wenn ein Stieglitz dahergeflogen käme, sich am Stiel der Blume finge und lustig, wie im Rücklauf der Bewegung eines Stabhochspringers, sich vom sich beugenden Stiel zur Made hin nach unten schaukeln ließe, hätte er seine größte Freude.

 

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