8. Die Identität des Ganzen in paradigmatischer Vorstellung

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Mit „wir“ und „unserer“ meinen wir, das sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bemerkt, unsere Sinne zusammengenommen mit unserem gesunden Menschenverstand, aber nun um ein Wesentliches erweitert, nämlich unsere gesamte Konstitution, d. i. unsere lebendige Struktur, unsere physiognomische Befindlichkeit in unserer unmittelbaren Umgebung, unsere geistige Agilität, unsere Freiheit, unser freier Wille, unsere Kraft und all das, was darüber hinaus im Ganzen uns eine Kondition, d. i. eine Gesamtverfassung, d i. eine Verfassung des Ganzen, stiftet, und also spreche „ich“ uns mit dem „Du“ auch ein „Wir“. Wir sprechen meine Geliebte als unsere Freundin, wir sprechen meinen Vater, unseren plätschernden Brunnen, das Reh, unseren Bruder, der in Amerika lebt, zwei Söhne hat und mit seiner zweiten Ehefrau, so sagt er, glücklich verheiratet ist und ein sicheres Leben führt, wir sprechen unsere verstorbene Mutter, Gott hab sie selig, unsere Reise in die Schweiz, die wir kommende Woche antreten werden, wir sprechen den Duft frisch geschnittener Apfelblüten, unsere verstorbenen Großeltern, das leuchtende Rot vor dem trüben Grün, den aromatischen Kaffee, unser Alter, das leckere Sandwich, klares Wasser, unseren Hund, der eigentlich des Nachbarn Hund ist, der aber auch insbesondere uns – so scheint es – vor nahenden Feinden mit seinem lautem Gebell warnt, wir sprechen nach Mandeln schmeckende Cantuccini, unsere Schwiegereltern, unsere Katzen, den Onkel und den Cousin, die sich schon früh ihr Leben nahmen, und unseren Collie und mit ihm einhergehend den Langhaardackel, die beide längst verstorben sind, wir sprechen die Hitze, das Gewitter, das keine Abkühlung, vielmehr weitere drückende Schwüle bringt. All dies, und darüber hinaus ließe sich noch reichlich mehr identifizieren, ist wirklich: auf eine eigentümlich verschwiegene Art und Weise die unseren gesamten Text, expliziert die vorstehenden Sätze, aber eben nicht nur diese, mitformuliert, ja, auf gewisse Weise inkorporiert – Kognitionswissenschaftler bezeichnen diese sensorisch begabte Figur als “Complete Agent”, die im Zuge eines dortgenannten “Embodiments” den dualistischen Charakter cartesianischen Bewusstseinsverständnisses völlig auf den Kopf stellt – ist also in Wirklichkeit eine sensomotorische Koordination des Ganzen, vollführt durch einen menschlichen Organismus als eine Einheit, nämlich durch mich. Das „Ganze“, zwar immer „latent“, aber unser Gemüt dominant stimulierend, west an und wir finden uns, in Kontemplation, während des Schreibens, zunehmend in konzentrischer Verbindung bei vollem Bewusstsein mit dem Ganzen, schreiben es sozusagen mit ihm, in ihm, d. i. es, das Ganze. So holen wir Kants “Paralogismus der transzendentalen Psychologie” ausdrücklich ein, wo er vor mehr als 200 Jahren sagt, “dass viele Vorstellungen in der Einheit des Denkenden Subjekts enthalten sein müssen, um einen Gedanken auszumachen”, (KrV, A 352) und übersteigen Kants Vorstellungen dabei, indem wir sie auf das Feld der Wirklichkeit des Ganzen stellen. Alles Weitere ist ein Stelldichein nicht bloß sämtlich möglicher Vorstellungen und “Gedanken, als innerlich zu einem denkenden Wesen gehörigen Akzidenzen”, (Kant, ebd.), sondern darüber hinaus lauter von  Befindlichkeiten herrührender Einzelheiten, die im Ganzen bestehen, und die, alle diese erspürbaren Einheiten inhärierend, sich in einen einzigen Gedanken, bzw. in dies einzigartige Denken eines Ich als ein Ganzes einbilden, ja, es geradezu ausmachen.

Wir lassen uns jederzeit auch auf ein persönliches Gespräch ein, das wir mit uns „Selbst“, oder mit einer „fiktiven“ dritten Person ganz stillschweigend in Anrede eines „Du“ führen. Wir fühlen uns angesprochen und sprechen uns gar selbst an. Wir sprechen im Stillen fortwährend mit unseren Sinnen, oder mit jener Instanz, zu der nur wir ein großes Zutrauen besitzen und die nur für uns ganz persönlich da zu sein scheint, wir sprechen mal laut, meist aber im Stillen. Weder kennt sonst jemand unsere „Bezugsperson“ noch könnten wir einem Vierten diese geheimnisvollen „Subjekte“ als etwas vorstellen. Es ist eine evidente, wenn auch ganz inwendig formlose Gestalt, mit der jeder Mensch auf innigste und vertrauteste Weise spricht, mal mehr mal weniger, mal antwortend, mal fragend, mal suchend, mal findend, mal zweifelnd, mal versichernd. Die Ausprägung, Intension und Gewichtung des Gesprächs hängen von allerlei Bedingungen, bzw. eben vom Ganzen ab. Beispielweise bemerkt unser Gemüt die „Ablenkung“ des täglichen „Besorgens“, „Geschäftig-Seins“ oder besser des alltäglichen „Gehabt-Seins“ (von den Dingen), d. i. die Weise, in der Es vergeht, entweicht oder zurückgelassen wird. In der Psychologie ist das Phänomen des stillen Zwiegesprächs ein bedeutender Teil des „Bewusstseins“. Wir benennen das innere, um diesem „zweiten Subjekt“ einen Namen zu geben, dies jedoch zunächst einmal in besonderer Vorsicht, als das (reine) „Gewissen“.

Vom Gewissen werden wir angerufen oder aber wir rufen es selbst an. Manche nennen diese Art von Gespräch „Selbstgespräch“ andere „Monolog“, manche sprechen mit einer Figur namens „Seth“, wieder andere finden in diesem Sprechen „Gott“. Wir versuchen auf eine behutsame Weise, dieser inneren Beziehung näher zu treten, eine Weise, die es erlaubt, jede denkbare Wendung nicht auszulassen, sie vielmehr einzulassen, sie zuzulassen, in ihr nichts zu verbergen oder zu präferieren, denn sie soll ja, auch und gerade in ihrer Entäußerung uns „selbst“ gegenüber, die je ganz eigene, persönliche Weise des inneren Dialogs sein dürfen und als solche unangetastet sich selbst überlassen sein. Einige unter Ihnen werden behaupten, dies sei jene „Instanz“ (im Sinne einer Recht sprechenden, beurteilenden Einrichtung) der Vergewisserung, zum Zwecke der Befestigung einer Meinung etwa oder eines Handelns oder anderes. Uns widerstrebt es, diese Erfahrung als eine Entität zu fassen, so wir sie (die Erfahrung) als solche überhaupt der Empirie zu entnehmen gewillt sein wollen, ihr eine genauere Spezifikation zu geben, weil, wie gesagt, es eine womöglich das Ganze umfassende, alle Menschen ihrem Wesen nach ergreifende Einheit ist, und weil wir eine Einengung desgleichen vermeiden wollen. Wir wollen hingegen diese inwendige Figur als das innere Du verstehen und treten also hierin ein Stück weit mit Martin Buber und dessen „Du“ in einen unsere Thesen überprüfenden kurzen Dialog:

„Nur der Bann der Abgetrenntheit ist abzutun. Es bedarf auch keines ‚Überschreitens der sinnlichen Erfahrung‘; jede Erfahrung, auch die geistigste könnte uns nur ein Es [ein Etwas, eine Sache] ergeben. Es [man] bedarf auch keiner Hinwendung zu einer Welt der Ideen und Werke: die uns nicht Gegenwart werden kann. All dessen bedarf es nicht. Kann man sagen, wessen es bedarf? Nicht im Sinn einer Vorschrift. Alles, was je in den Zeiten des Menschengeistes ersonnen und erfunden worden ist an Vorschrift, an angebbarer Vorbereitung, Übung, Versenkung, hat mit dem ureinfachen Faktum der Begegnung [auch der inneren] nichts zu schaffen. Was immer für Vorteile an Erkenntnis oder Machtwirkung dieser oder jener Übung zu verdanken sein möchten, all das rührt nicht daran, wovon hier gesprochen wird. Es hat in der Eswelt seinen Platz und führt nicht einen Schritt, führt nicht den Schritt aus ihr. Im Sinn von Vorschriften ist das Ausgehen [Einlassen] unlehrbar. Es ist nur aufzeigbar, so nämlich, daß man einen Kreis zieht, der alles ausschließt, was nicht dieses ist. Dann wird das eine sichtbar, worauf es ankommt: die vollkommene Akzeptation der Gegenwart.“ (Martin Buber, Das dialogische Prinzip, in Ich und Du, Gütersloher Verlagshaus, 1923, Seite 78f).

Erinnern wir uns an den Anfang: Aus gegebenem Grund folgten wir am Beginn unserer Kontemplation also ganz bewusst nicht jener populär lexikalischen Behauptung, nämlich Gegenwart sei eine Bezeichnung für ein nicht genau bestimmtes Zeitintervall zwischen vergangener Zeit, also der Vergangenheit, und künftiger Zeit, also der Zukunft. Stattdessen unternahmen wir den Versuch, Gegenwärtiges in seiner Gegenwärtigkeit als eine ausschließlich auf den Menschen gerichtete Apperzeptionsmöglichkeit zu geben.

Die Begabung, d. i. die Gabe sinnlichen Apperzipierens, zeichnet das menschliche Gewahrwerden erst im Zusammenspiel mit der isomorphen Nachbildung in Geistesleistung, d. i. das Innewerden als Maxime sinnlicher Kunstfertigkeit, aus.

Des Menschen sinnliche Kunstfertigkeit zeichnet den „Schein“ (bei Kant) des in sinnlicher Anschauung Empfangenen in Geistesleistung nach. Als eine erlebnishafte, von Emotionen und Bedeutungen komplex durchzogene Anschauung der „in Sendung gesetzten“ Äußerlichkeiten im Ganzen, ist sie „Empfang“ (Eingabe, Einlassung, Wahrnehmung, usw.), und gibt das Ganze – optional sensitiv – dem Verstande anheim. Ließen wir uns eine Weile auf diesen unzureichend nüchtern, in technischer Textur verfassten, sogenannten „Moment der Wahrnehmung“ ein, so könnte uns eine Lage gelingen, aus der heraus wir die Organisten der Sinne in deren simpler Funktionalität, nämlich in sinnlicher Anschauung bei Hingabe sinnlicher Kunstfertigkeit selbige zum Spiel in einer das Ganze umfassenden „Ouvertüre der Natur“ orchestrieren, freizulassen vermögen. (Das ist der Moment, in dem Frauen Bäume umarmen und Hexen um Feuer tanzen.)

Wir denken: Entweder wird die gegebene Apperzeptionsmöglichkeit des Ganzen in Einlassung genommen, das wäre die sogenannte „Realisierung des Ganzen“ und das Apperzipierte würde in sinnlicher Kunstfertigkeit, gemäß den Fähigkeiten der Großhirnrinde und anderer Systeme des Gehirns, die am „Wahrnehmungsprozess“ wesentlich beteiligt sind, isomorphe Gestalten in Belange ihrer Erscheinungen und „interpretiertes“ Ganzes in Belange des Eingelassenen ausbilden. Zugelassenes würde entdeckt oder erinnert. Abgelehntes würde ausgeblendet oder negiert. Auf diese Weise metamorphosierte sich das Ganze, das uns freilich (trotz des Teilerfolgs) größtenteils im Verborgenen bliebe, und würde als ein miniaturisiertes, als nun ein nahezu in Gänze abstraktes Ganzes in die Grundform der isomorphen Identität des Ganzen transformiert, oder aber die gegebene Apperzeptionsmöglichkeit wird überhaupt ausgelassen. Letztere Möglichkeit darf nicht ausgelassen werden, denn wir wissen, dass die „Auslassung“ gegebener Möglichkeiten die in praxi weitaus häufiger vorkommende ist, als ihre „Einlassung“. Dieses Wissen (7 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte) ist zum Beweise freilich in seiner ganzen Vielfältigkeit noch auszufalten.

Die Identität der isomorphen Gestalt ist uns bewusst und scheint immerhin als ein winziger Teil des Ganzen wahrhaft. Die Identität des Ganzen ist uns verstandesgemäß nicht erschließbar.

Wir scheuen uns noch, das ganze Ganze in einer so kurzen Fassung schon irgendwie zu benennen, z. B. als Realität, Idealität oder dergleichen. Dass wir aber Selbstreflexion zu üben und Gespräche mit einer „imaginären Figur“ zu führen, überhaupt in der Lage sind, nehmen wir hier als Tatsache, die belegt, dass wir selbst mitsamt unserer Reflexion nicht als eine individuale Verschiedenheit, sondern in einer extrapolierten Weise sinnlicher Kunstfertigkeit als eine Einheit dem Ganzen inhärent sind. „Extrapoliert“ ist die entwicklungsgeschichtliche Weise, in der wir in des Geistes Witz sinnlicher Anschauung, die auf Gewöhnung geht, Seiendes mit “Schein“, Vernunft mit „Kritik“ und Selbstreflexion mit „Kenntnis“ verknüpfen und hierhin ohne Eitelkeit und freilich unter abschließender Zurücklassung adoleszenter Entwicklungsgrade auf die Existenz eines Ganzen schließen. Das Zugeständnis an jene imaginäre Figur, dem „Du“, ist im Grunde, wie Buber dachte, die „vollkommene“ Akzeptation des Ganzen. Die Reflexion auf das Selbst hin, durch es selbst (z. B. im stillen Selbstgespräch) vollzogen, ist bereits hinreichender Beleg dafür, dass sich die Momente des Gewahrwerdens an sich selbst verlieren, bzw. das Gegenwärtige nicht ein rein Gegenwärtiges ist. Der (historische) Reflex schließt das Apperzipierte, d. i. das Wahrnehmungsmoment (vgl.: Baumann, Lehrstück über Weltreligion, 2020), in sich selbst ab, indem er sich als ein „Datum“ in die isomorphe Gestalt einschreibt. Beim Kognitionswissenschaftler Avram Noam Chomsky liegen Partikel der isomorphen Gestalt als eine im kindlichen Erfahrungs- und Lernprozess entwickelte Tiefenstruktur als „Gen“ bereits vor, aus dem heraus das Apperzipierte in die Oberflächenstruktur interpretiert, kombiniert und formuliert wird. Folgen wir den Philosophen Maurice Merleau-Ponty und Emmanuel Levinas, so ist der Grund für das Oszillieren zwischen Seiendem und Bewusstsein, das, was in etwa unserem „Prozess der (vergewissernden) Vergegenständlichung“, oder aber der Buberschen dialogischen „Ich-Es-Beziehung“ entspricht: eine Ambiguität der Leiblichkeit (Gestalt), d. i. die Zweideutigkeit des Apperzipierten, das sich weder als die reine Gestalt des Bewusstseins, noch als das reine Seiende zeigt, die Merlau-Ponty wiederum aus der „fungierenden Intentionalität“ Husserls herleitet. Wir gehen nahe bei Husserl. Alle psychologischen und phänomenologischen Erörterungen über Wahrnehmung sind bereits stets eingebettet in die Zeitlichkeit des Bewusstseins, bzw. die transzendentale Geschichtlichkeit d. i. die allgemeine Wissenschaft um das Seiende, oder ganz allgemein das Transzendierende der sprachlichen Chiffrierung, aus der heraus die Apperzeptionsmöglichkeit erst gegeben werden kann:

„Die Wahrnehmung? […] Wiederkehrend ist sie unter keinen Umständen individuell dieselbe. Nur der Tisch ist derselbe, als identischer bewußt im synthetischen Bewußtsein, das die neue Wahrnehmung mit der Erinnerung verknüpft. Das wahrgenommene Ding kann sein, ohne wahrgenommen, ohne auch nur potentiell bewußt zu sein […]; und es kann sein, ohne sich zu verändern. Die Wahrnehmung selbst ist aber, was sie ist, im beständigen Fluß des Bewußtseins und selbst ein beständiger Fluß: immerfort wandelt sich das Wahrnehmungs-Jetzt [das entspricht dem Gesamtmoment in Teil I] in das sich anschließende Bewußtsein des soeben Vergangenen [das Jenseitige], und zugleich leuchtet ein neues Jetzt [das Diesseitige, bzw. das Künftige] auf usw.“ (Edmund Husserl, Husserliana, Band III, Seite 74)

„[…], aber alle solche Reflexion […] ist Vollzug der transzendental sozusagen fertigen Weltapperzeption, wobei das Korrelat: die (aktuell und sedimentiert) fungierende Intentionalität [entsprechend: das Stürzen, bzw. das Fenster], welche die universale Apperzeption ist, und für die jeweiligen besonderen Apperzeptionen die konstituierende, ihnen den Seinssinn [!] von ‚psychischen Erlebnissen dieser und jener Menschen‘ gebend, völlig verschlossen bleibt.“ (Edmund Husserl, Husserliana, Band VI, §59)

Doch welche Version auch immer die rechte sein könnte, das Apperzipierte in concreto springt nach Anschauung, d. i. im Loslassen, heideggersch: im „Sein-lassen“, in die lebendige Struktur des Ganzen zurück und wird von dort nimmermehr als ein Selbiges vorkommen; auf den Menschen genommen, also in seines sinnhaften Wesens Grunde genommen, ist dies der Sprung zurück, jener Sprung in die Zeitlosigkeit der „Wahrnehmungsmomente“, d. i. die Vorzeitlichkeit, aus der sie in Anschauung kommen und die Nachzeitlichkeit, d. i. bestenfalls ein Erinnern, in das sie sich verflüchtigen. Im Sprung zurück ist die „kindliche“ Naivität verloren, das Wissen über sie indessen erweitert.

Dasjenige, das wir mit Heidegger als Seiendes bezeichnen, ist bloß ein winziges Düftchen im tosenden Orkan des gesamten Seins. Das Seiende scheint hinwieder nicht bloß in Zeit und Raum. Es „nebelt“ hingegen jenseits unserer Bewusstseinsdimensionen, wie wir es uns zumindest seit Kenntnisnahme jener schwarzen Löcher, in denen alles zu verschwinden und in denen sich alles zu verdichten scheint, nahelegen, als ein Es jenseits der äußeren Grenzen unseres Ereigniskreises: unscharf, als Hintergrund, als Nichts oder Alles oder das ganz Andere.

Im Innern dieses Kreises allerdings ist Es – in Ermangelung eines Etwas, das wir irrtümlicher Weise als Realität meinen – von unendlicher Kürze, so wir an die Zeit und von unendlicher Weite, so wir an den Raum denken.

Trotz dieses riesigen Mangels gibt Es in seiner transzendierten Fassung, also wenigstens in seiner theoretischen Gestalt, zu denken und „ist“ nicht vielmehr nicht, bzw. hält sich semiotisch sowohl als Schein und den an ihn geknüpfte isomorphe Gestalt, als auch im Bewusstsein eines Menschen durch, zumindest soweit dieser die bereits erschlossenen Gebiete der Dechiffrierung überhaupt erlernt hat und in praxi beherrscht.

Die im Ganzen dimensionslose „Verständigung“ des Es mit einer menschlichen Sinnesgestalt, mithin der an sie „angeschlossenen“ Interpretationsmöglichkeit, richtet – und erst hierin darf ein „Gelingen“ des Gegenwärtigen bemerkt werden – seinen sinnlichen Schein, z. B. den „Augenschein“, an einen vergegenständlichenden Bestand (heideggersch): die Erinnerung, die auf die Erkenntnis geht. Erst die Erinnerung vergegenständlicht, erkennt das Gegenwärtige. Die Erinnerung identifiziert Es als Seiendes, als Vorhandenes, als Zuhandenes. Erst so tritt Es überhaupt als Gestalt auf. – Und ein Rücktritt in die kindlich naive Verwunderung ist nicht mehr möglich, bzw. „kann nur in der Methode der transzendentalen Reduktion zurückgefragt werden.“ (Husserl, ebd.).

Wir wählen hingegen bewusst die kontrakonfliktäre Tendenz und kehren die „Blickrichtung“ dabei um: Seiendes „sendet“ gegen die Anschauung (das herüberblickende Reh), nun aber mit dem erweiterten Verständnis der Begriffe des Seienden, nämlich Seiendes über das bloß gegenständliche Seiende hinaus, und der Anschauung, nämlich sinnliche, ganzkörperlich sensualistische (aurisch) und geistige Anschauung. Dieses Paradigma ist der teleologisch üblichen Diktion von Anschauung auf das Gegenständliche hin, nämlich wir „meinen“ Seiendes und nicht Seiendes „meint“ uns, entgegengerichtet.

Wir wollen das geläufige Paradigma, nämlich dass die Wirkung des „Scheins“ allein sich bei Anschauung zeige und nicht vielmehr auch an und für sich, auflösen und gehen hierin gegen unseren Sensualismus vor. Des Weiteren beabsichtigen wir die „Erscheinung“ an sich zu extrapolieren, dahingehend, dass der „Anschein“ als bloß eine einzige „Aussage“, nämlich die des „Erscheinens“, unter vielen sonstigen „Sendungen“ des Ganzen als die für gewöhnlich sinnliche Dominante anerkannt wird. Wir wollen von ihm abstrahieren und Beweis führen, dass Es an es-haften Botschaften unendlich viele mehr zur Dechiffrierung gibt. Freilich ist das Bestandteil unserer Philosophie, die wir beabsichtigen zu verfassen und kann hier nur grob skizziert werden. Nehmen wir zur Verdeutlichung des besagten Ansatzes einige Beispiele: die Sinnesorgane der Fledermaus: sie „sieht“, was wir nicht „sehen“, oder die Lautsprache der Wale: sie „senden“ einander emotionalen Gehalts Informationen, die unsere Leute nicht „empfangen“, geschweige denn „verstehen“ können, wir hören „Bohemian Rhapsody“ und Es liegt uns zu fern, um zu fragen, was es denn nun eigentlich sei, das uns „angehörts“ dieser Hymne derart Gänsehaut beschert. Wir sind hier ganz still.

 

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