7. Die Skepsis als Indikator außersinnlicher Kunstfertigkeit

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Die Bedeutung, die dem Gegenstand, ganz gleich welcher Art er auch sein möge, in der ihn abstrahierenden, transzendierenden Anschauung und mit der in sinnlicher Kunstfertigkeit gelingenden, ihn in aller geistigen Schärfe abbildenden Versprachlichung zukommt, nennen wir die geistige, isomorphe Interpretation.  Der Gesichtswinkel des Betrachters allerdings lässt ihn in gleichem Zuge, trotz oder gerade aufgrund der komplexen Gedächtnisleistung, diffus zum ganzen Raume hin erscheinen; ein Effekt der Abstraktionsweise, den es gilt noch genauer zu betrachten, den wir an dieser Stelle kritisch, aber positiv besetzt setzen wollen, weil er u. E. die menschliche Weise, zu Fragen und die menschliche Art seiner Wandelung, tief zu begründen und anzutreiben scheint. In diesem „Schein“ scheint er, der Mensch, eine Wahrheit verlierende und Wirklichkeit erkennende dialektische Distanzierung vom Gegenwärtigen zu gewinnen, (vgl. Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1787, B 86 ff).

Wir „wissen“ von Seiendem Zweierlei: zum einen das in sinnlicher Anschauung offensichtlich Scheinbare, dem wir gelegentlich recht oberflächlich, bzw. gleichgültig gegenüberstehen, und im Weiteren das rein in actio vernehmbare Ganze jenseits des Anscheins. Dieses jenseitig sinnlicher Anschauung Seiende ist sinnlicher Kunstfertigkeit (der 5 Sinne) unempfänglich. Dennoch ist es Teil der Vernehmung. Wie kann dies geschehen? Das Gegenwärtige umfasst ein Gegenständliches in einer Weise, die zwar vernehmbar, aber nicht in Anschauung per sinnlicher Kunstfertigkeit gelingt, sondern in Vernehmung per außersinnlicher Kunstfertigkeit. Hier sind wir schon geneigt, jene sinnliche Kunstfertigkeit als die untersinnliche und jene sie korrelierende als die übersinnliche Kunstfertigkeit zu benennen. Der Begriff „Übersinnliche Wahrnehmung“ wurde esoterisch auf vielerlei Weisen strapaziert, gar missbraucht; wir vermeiden dessen Verwendung gerade aus diesem Grunde heraus ganz bewusst nicht. Der Begriff „Wahrnehmung“ bedarf noch eingehender Beschäftigung, welche im dritten Teil unserer Ausführungen eingeübt wird werden müssen. Zunächst beschäftigen wir uns mit der Motivation, die aller Anschein unserem Verstand als ein Wundern zur Aufgabe zu geben scheint.

Wir verstehen die Verborgenheit von Seiendem, d. i. das Korrelat des Scheins von Seiendem, also dasjenige, was wir nicht sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, sondern was wir fühlen, ahnen, wähnen, wünschen, hoffen, als Unversöhnlichkeit unserer sinnlichen Anschauung. Wir werden Gegenwärtigem seines oberflächlichen Anscheins nach zwar gewahr, ihm aber nicht gerecht und erfahren in actio sinnlicher Anschauung desselben weitaus Erregenderes, als bloß dessen sinnlich vernehmbaren Schein. Dies Erregendere sehen wir als ein Ursprünglicheres, als eine ursprüngliche, unsere Neugier und Wissbegier antreibende Qualität. Der Schein an sich, also die Gestalt in der Weise, in der sie uns als Seiendes sinnlich vorkommt, ist bloß wesenlose Makulatur des Ganzen.

Deshalb verstehen wir die Unversöhnlichkeit unserer sinnlichen Anschauung als Verborgenheit von „Seiendem“, das als das unsere Seele weitaus „erfüllendere“ Korrelat des Scheins von Seiendem gelten darf, als eine unsere Neugier und Wissbegier antreibende Qualität, die wohl unserer sinnlichen Anschauung bei aller sinnlichen Kunstfertigkeit geschuldet bleibt. Die Verborgenheits-Sphäre hat ihren Bestand nicht im Zeitlichen und, wie wir noch sehen werden, auch nicht im Räumlichen sondern vielmehr im Wesentlichen.

Das Wesentliche ist reine Hingabe. Das Unwesentliche ist reine Aufgabe.

Das Wesentliche ist nicht Zeitliches und nicht Räumliches, es ist rein sich selbst.

Für diese der menschlichen Anschauungsweise so absonderliche und einer möglichen  Mystifikation so einträgliche Verquickungen fehlen uns bislang jedoch noch jede Erklärung; womöglich ist schon der Versuch, dieses „Wissen“ in ein übersinnliches Feld transzendentaler Chiffrierung überführen zu wollen, ein Holzweg; wir hegen allerdings den Verdacht, dass uns die Psychologie zu einer reflektierten Beurteilung verhelfen könnte und versuchen also diesen Gang noch ein wenig weiterzugehen.

Wir selbst verwendeten bis hier in der Tat ein Prinzip der Reflexion über Gegenstände, für die es uns an einem wirklichen Gesetze mangelt und sahen uns von Anfang an der Versuchung fern, die reflektierende Urteilskraft unter ein Gesetz subsumieren zu beabsichtigen (so etwa beginnt Immanuel Kant die zweite Abteilung seiner Kritik an der Urteilskraft, „Dialektik der teleologischen Urteilskraft“, Kritik der Urteilskraft, 3. Ausgabe, 1799, Seiten 311 f). An genau der Stelle also, an der die kantische Vernunft ihr Ende findet, bemühen wir uns wahrlich nicht ziellos um eine weiterführende Beschreibung und halten es mithin für nützlich, an jener Stelle angesetzt zu haben, wo sonst die Allgemeinheit, d. i. der gesamte Wissenschaft gläubige und wissenschaftlich denkende Okzident, dem wir uns selbst freilich zuzurechnen haben, angesetzt haben würde.

Descartes (1596 – 1650) objektivistischer, mechanistischer Rationalismus (Ich mache den Leib zu meinem Objekt), Newtons (1643 – 1727) theologisch mathematisches Weltverständnis und Kants (1724 – 1804) vernünftige, logische Metaphysik legen ihre Saat in den fruchtbaren Grund westlicher Zivilisation: teleologische, wissenschaftliche Begutachtung von Natur und ihre vernunftgesteuerte, sachliche und zweckdienliche Verwendung in aristotelischer Manier ausgeführt. Die Saat ist aufgegangen. Doch der überwirtschaftete Boden ist uns zwischenzeitlich mürbe geworden.

Wir erachten in sicherer empirischer Gewissheit die innerweltlich geltenden Gesetze der persönlichen Anschauung, als den Gesetzen der Naturwissenschaft geringstenfalls gleichrangig, denn diejenigen dem Gemüte des Försters innewohnenden Gesetze der Anschauung ermöglichen erst qua seiner ganz persönlichen, deshalb in seiner Einmaligkeit unvergleichlichen Weltschau, welcher, ganz zurecht, Subjektivität und damit Unwissenschaftlichkeit nachgesagt wird, als bloß des Försters Anschauung.

Wir sind geneigt, die innerweltlich geltenden Gesetze der persönlichen Anschauung, wenn auch in abwesender Gegenwart des Försters, bzw. dessen gegenwärtiger Abwesenheit von Anwesenheit bei Auslassung der Einlassung, in ihrer Bedeutung höher zu setzen als die wissenschaftliche. Allerdings wäre der Bedeutungsgehalt noch genauerer herauszuarbeiten, als es in diesem kurzen Skript möglich ist. So sei hier immerhin Folgendes zum Ausdrucke gebracht: Die individuelle Kunstfertigkeit der Sinne und ihre einzigartige Weise zu Sinnen, präsentiert sich uns – bei hoher Varianz von Qualität und Intensität, je nach genetischer Veranlagung und der Ausbildung sprachlicher Konventionen – in synoptisch besorgender Ordnung als Vermittler von Wahrheiten, namentlich als die „natürlichen Gesetze der Wahrnehmung“. Sie (die Wahrnehmung) äußert sich dem gesunden Menschen in bio-rhythmischer Vitalität, akkumuliert spontane Anschauung als prädestinierte Isomorphien einer äußerst flüchtigen Gegenwart zu einer wenn auch subjektiven, aber dennoch stabilen, überlebensfähigen „Konstruktion des Ganzen“.

Die sinnstiftende Kunstfertigkeit hingegen setzt sich selbst in vollkommene Legierung mit dem Ganzen in das Verhältnis des Ganzen zum Gemüt, auf eine Weise, die unser individuelles Dasein durchgestaltet, ihm Orientierung und diverseste Bedeutungen den Dingen gegenüber stiftet. So weit, so gut.

Die natürlichen Gesetze der Wahrnehmung, stehen, wie gesagt, gerade ihrer „Natur“ wegen, nämlich nur einen winzigen Teil des Ganzen „sehen“ zu können, in inhärentem Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien der naturwissenschaftlichen Gesetze, die ja samt und sonders jener streng durchdeklinierenden, bestimmenden Urteilskraft entspringen. Wir hegen, fortlaufend durch die Vehemenz des Zweifelns an derselben Logik bestärkt, größte Zweifel an den die Seinsweisen bestimmenden Methoden von ihrem Grunde her und entwickeln eine tiefgreifende Skepsis ihres „Rechts“ gegenüber, die Kant seiner gesamten Metaphysik, eingedenk seiner einleitenden Worte, der zweiten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft, einschreibt:

„Daß Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, daß wir ferner keine Verstandsbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben, als sofern diesen Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, sondern nur sofern es Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d. i. als Erscheinung, Erkenntnis haben können, wird im analytischen Teile der Kritik bewiesen; woraus dann freilich die Einschränkung aller nur möglichen spekulativen Erkenntnis der Vernunft auf bloße Gegenstände der Erfahrung folgt. Gleichwohl wird, welches wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir eben dieselben Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen, doch wenigstens müssen denken können.* Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen, daß Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zu zweiten Auflage, 1787, B XXV)

[* Fußnote Kants: „Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit (es sei nach dem Zeugnis der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke ist, ob ich zwar dafür nicht stehen kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten diesem auch ein Objekt korrespondiere oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber objektive Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht eben nicht in theoretischen Erkenntnisquellen gesucht zu werden, es kann auch im praktischen liegen.“] (ebd.)

Kant formuliert ganz bewusst, seiner Logik folgend, die Exklamation dessen, was da ist, ohne zu erscheinen. Er käme ja, würde er diese Aussage nicht als Widersprüchlichkeit präsentieren, in des Teufels Küche. In geringer Schätzung werden seine Beweise der transzendentalen Idealität des Raumes und der Zeit als reine Anschauungsformen von der Naturwissenschaft, welcher mit Galileis Relativitätsprinzip und Einsteins Relativitätstheorie kleinere Durchbrüche in dieser Hinsicht gelingen, zwar bemerkt, wir finden aber bislang keinen nennenswerten Eintrag in die allgemeine Methodologie, geschweige denn, eine Durchdringung des wissenschaftlichen Weltverständnisses in ihrer Anschauung an sich, bzw. fühlen wir uns – in Anbetracht unseres weitläufig unveränderten Verständnisses von Raum und Zeit als feststehende Größen, als absolut verlässliche Prinzipien – zu einer philosophischen Durcharbeitung unserer Gesamterfahrung herausgefordert.

 

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