5. Achthaben bei Einlassung oder Auslassung von Möglichkeiten

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

 

Im Einlassen, erleben wir Glückseligkeit bei Übernahme von Verantwortung an uns selbst.

Einlassen bedeutet sich-einlassen-auf die Gestalt im Sinne einer Wendung, einer Hinwendung, aber auch im Sinne eines Nehmenden, eines Annehmens.

Bestenfalls wird das sich-Einlassen-auf zu einem das Ganze öffnenden Prozess. Dieser geschieht sukzessive in einer Weise, dergestalt die Gestalt selbst in ihrer Holotopie, d. i. ihre Lage in Beziehung zum Ganzen, in Acht genommene vollständige Identität wird, d. i. die Gesamtheit der Gestalt, in der sie eingebettet in das Ganze, also im Ganzen ist.

In Acht nehmen bedeutet, dass wir einander (Innerlichkeit und Äußerlichkeit) in einer sinnlichen Korrektur-Bewegung in lebendig sinnlichem Hin-und-Herschwingen, in auratischer „Ein- und Auskehr“, in seliger Einlassung, in einer die Gesamtheit „annehmenden“, kontextsensitiven Anschauung begegnen. (Ausdrücklich ist hier von einer zwischenmenschlichen Begegnung überhaupt noch nicht die Rede.) Einlassung ist insofern kontextual, als auch wir als eingebettet im jeweiligen Habitat, als Teil des Ganzen sein dürfen und als dass die Sinnigkeit der Gestalt – vermittelt durch unsere Anschauungskunst – die Empfänglichkeit unseres Gemüts „anspricht“ und gleichsam unser Acht geben „erfährt“.

Was es mit der Acht auf sich hat, das muss ebenso eingehend, mit der Vergewisserung im Blick auf das Gewissen und  hinsichtlich der Verschaffung von Gewissheit, in aller Tiefe gesucht werden, denn dieses Symbol zeugt von einem tiefen rhythmischen Gefühl, das wir hier noch als ein Ur-Gefühl verstehen wollen. Wir werden sowohl von der arabischen Ziffer 8 zu sprechen haben, die im Zuge des Schreibens das Rechte und Linke ein- oder ausgrenzt, als auch von der liegenden Acht, dem Zeichen, das für die Unendlichkeit steht und das im Vollzug seiner Niederschrift, wenn wir es z.B. in voller Hingabe mit einem breiten Pinsel an eine senkrecht stehende Leinwand malen, also im in-Acht-nehmen der Bewegung selbst, die nach oben öffnend oder schließend, von links oder von rechts in einem Zuge vollführt werden kann. Wir werden des weiteren im Hauptstück darin zu erörtern haben, inwiefern in der „Drehrichtung“ (Spin) einer solchen Bewegung (denken wir nur an die Bewegung eines rechten Arms, in dessen Hand ein Taktstock den Rhythmus eines Walzers an ein Orchester dirigiert) eine sensitive Grundstimmung bezüglich der Fähigkeit, wie auch der Willigkeit des in Acht Nehmens stimuliert werden kann. Zunächst aber soll uns diese rhythmische Bewegung als eine Ahnung vom Hin- und Herschwingen im Gewahrwerden einer Äußerlichkeit, also vom Vollzug einer gewissen Unentschiedenheit von Einlassung und Auslassung genügen.

„Von Ort“ also „zu Ort“, zwar fern von Zeit und Sprache, aber sich ihrer Sinnlichkeit seelisch gewahr werdend, sich ihr zuwendend, sich in sie einfühlend und sich ihrer annehmend, vermögen wir einer jeden Gestalt in wesentlicher Unbestimmtheit, völlig unverfälscht und außerordentlich präzise zu „sehen“. Bewegen wir uns an der sprachlichen, formalen Oberfläche der Gestalt, so sehen wir die Gestalt selbst nicht. Wir abstrahieren sie bloß, indem wir unsere sprachlichen Chiffren über sie legen und sie irgendwie „beschreiben“. Bewegen wir uns in der Bewegung selbst, d. i. im Vollzug der Gestaltung, so fühlen wir in aller Deutlichkeit einen Unterschied: wir sehen uns in actio außerstande, auch nur irgendetwas davon zum sprachlichen Ausdrucke zu bringen.

Erzählen können wir also das „natürlich“ encodierte Protokoll der Gestalt, d. i. die gesamte Erscheinung ihrer vollumfänglichen, ungegenständlichen Wirklichkeit entsprechend, auf eine formal abstrahierende Weise nicht, wie wir übrigens das allermeiste an den Gestalten um uns herum zwar irgendwie „auratisch“ vernehmen, sie aber meist in ihrer großen Sprachlosigkeit zurücklassen, bzw. sein lassen müssen. Bestenfalls vermögen wir, ihnen in künstlerischer Übung, Annäherung und Widmung angedeihen zu lassen.

Sind einmal die innere (die isomorphe) und die äußere Gestalt nicht deckungsgleich, so kann uns dies allerdings in höchstem Maße beunruhigen. Was bedeutet das, so wir doch sprachlich eine Gestalt nur schemenhaft zu fassen wissen? Wie kann sie uns rein in ihrer Form vorkommen und uns versichern, dass sie es ist, die sich meint?

Kant erreicht in seiner transzendentalen Ästhetik von dem Raume und von der Zeit die a priori ausnahmslos einzigen alle Sinnlichkeit ermöglichenden Entitäten, die nicht in den Dingen an sich angetroffen werden und welchen nicht etwas Empirisches vorauszusetzen wäre (vgl.: Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1787, B 46-58), eine Simplifikation, die ihm erlaubt, dem Problem der Unterscheidung von Objektivität und Subjektivität, d. i. [bei Kant] äußerer und innerer Sinn, in bekömmlicher Weise Herr zu werden. So bestätigt er in zugänglicher Argumentation seine Theorie von der Idealität des sowohl äußeren wie auch inneren Sinnes als: „[…] alles, was in unserem Erkenntnis zur Anschauung gehört, (also Gefühl der Lust und Unlust, und den Willen, die gar nicht Erkenntnisse, sind, ausgenommen,) nichts als bloße Verhältnisse enthalte, der Örter in einer Anschauung (Ausdehnung), Veränderung der Örter (Bewegung), und Gesetze, nach denen diese Veränderung bestimmt wird (bewegende Kräfte). Was aber in dem Orte gegenwärtig sei, oder was es außer der Ortsveränderung in den Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht gegeben. Nun wird durch bloße Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt: also ist wohl zu urteilen, daß, da uns durch den äußeren Sinn nichts als bloße Verhältnisvorstellungen gegeben werden, dieser auch nur das Verhältnis eines Gegenstandes auf das Subjekt in seiner Vorstellung enthalten könne, und nicht das Innere, was dem Objekte an sich zukommt. Mit der inneren Anschauung ist es eben so bewandt. Nicht allein, daß darin die Vorstellungen äußerer Sinne den eigentlichen Stoff ausmachen, womit wir unser Gemüt besetzen, sondern die Zeit, in die wir diese Vorstellungen setzen, die selbst dem Bewußtsein derselben in der Erfahrung vorhergeht, und als normale Bedingung derart, wie wir sie im Gemüte setzen, zum Grunde liegt, enthält schon Verhältnisse des Nacheinander-, des Zugleichseins und dessen, was mit dem Nacheinandersein zugleich ist (des Beharrlichen). Nun ist das, was, als Vorstellung, vor aller Handlung irgend etwas zu denken, vorhergehen kann, die Anschauung, und, wenn sie nichts als Verhältnisse enthält, die Form der Anschauung, welche, da sie nichts vorstellt, außer so fern etwas im Gemüte gesetzt wird, nichts anderes sein kann, als die Art, wie das Gemüt durch eigene Tätigkeit, nämlich dieses Setzen ihrer Vorstellung, mithin durch sich selbst affiziert wird, d. i. ein innerer Sinn seiner Form nach. Alles, was durch einen Sinn vorgestellt wird, ist so fern jederzeit Erscheinung, und ein innerer Sinn würde also entweder gar nicht eingeräumt werden müssen, oder das Subjekt, welches der Gegenstand desselben ist, würde durch denselben nur als Erscheinung vorgestellt werden können, nicht wie es von sich selbst urteilen würde, wenn seine Anschauung bloße Selbsttätigkeit, d. i. intellektuell, wäre. Hierbei beruht alle Schwierigkeit nur darauf, wie ein Subjekt sich selbst innerlich anschauen könne, allein diese Schwierigkeit ist jeder Theorie gemein. Das Bewußtsein seiner selbst (Apperzeption) ist die einfache Vorstellung des Ich, und, wenn dadurch allein alles Mannigfaltige im Subjekt selbsttätig gegeben wäre, so würde die innere Anschauung intellektuell sein.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1787, B 66-68)

Die Unversöhnlichkeit als ein Mangel an Vergewisserung, d. i. die Übersetzung dessen, was uns äußerlich ist, in eine subjektive Interpretation und hat u. E. durch die Unvermittelbarkeit, bzw. die Hermeneutik selbst ihren Bestand. Damit meinen wir schlicht das Auseinanderfallen von Theorie und Praxis, bzw. das Abstrahierende, das Transzendierende, das Entfremdende, das jeder Theorie, die eine „Sache“ zu der ihren macht, anhaftet. Die Frage, ob es darüber hinaus auch anders geartete Theorien gibt, sei vorerst einmal dahingestellt. Das Dilemma (der Glorifizierung) der Transzendenz, das im „Reden über“, in der „Verdinglichung“, der „Versachlichung“ oder in der „Vergegenständlichung“, (in Bubers „Ich und Du“ ist dies das „Es“), als ein bloß menschenmöglicher Grad adäquater „Verschreibungen“ (höchster, womöglich göttlicher) als Abstraktion zu tage tritt, hat seinen unauflöslichen Fortbestand darin, dass es den Betrachter vom Gegenstand seiner Betrachtung entfremdet, d.h. er kommt dem „Weltlichen“, d. i. dem „Natürlichen“, d. i. nach menschlichem Dafürhalten, dem glücklichen „In-der-Welt-Sein“ nicht etwa näher, was er aber, laut Aristoteles, doch eigentlich erstrebt, so das vollendete Glück des Menschen in der Tätigkeit des Betrachtens besteht. (Vgl.: Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1177a 18), sondern er entfernt sich mit jeder neuen kategorialen „Zuschreibung“ von ihm, respektive scheint er sein Glück außerhalb des Innerweltlichen zu suchen. Auch dies ist ein geöffneter Aspekt, der nur in Gröbe skizziert werden kann.

Entsprechend der das Achten liefernden Intentionalität, [im Ergebnis wäre ein solches Achten z. B. ein „Gut-Achten“, durchaus ist hier das aristotelische „Gut“, wonach, glaubt man ihm, alles strebt, mitgemeint, (vgl.: Aristoteles, ebd. 1094a 1-4), das bereits im Zuge des Betrachtens dem „Gegenstande“ in der Art und Weise (Stiel, Blatt, Blüte), in der der Betrachter selbigen angeht, beigestellt ist], entfremdet sich nicht nur der Gutachter vom Gegenstand seiner Betrachtung, sondern der „Gegenstand“ selber entfremdet sich durch die Art und Weise der intentionalen Betrachtung. Die Äußerlichkeit entfremdet sich durch die Intentionalität der intentionalen, wenn auch in ihrer Durchführung bloß sinnlichen Betrachtung, in der sie angegangen wird, von sich selbst, gewiss aber wird sie [die Äußerlichkeit] durch durch die Intentionalität verfremdet. Die Seins Weise der Menschen ist der intentionalen Verfremdung ursächlich und allen Menschen bekannt. Der Verfremdung Indiz ist stets eine vorläufige Verwendung (Zweckdienlichkeit), die ihr anhaftet. Das wird uns in vollumfänglicher Weise verständlich, so wir eine Großmaschine beobachten, geführt von einem kleinen Maschinisten darin, die von unscheinbarer Kraft angetrieben in null Komma nichts einen ganzen Fichtenwald fällt, mit der Leichtigkeit einer Ballerina die Bäume von oben bis unten entastet, die blanken Stämme von abgesägten Stümpfen hebt und das Stammholz schichtet, als wären die Stämme zerbrechliche Streichhölzchen in einer Kinderhand. Im Auge des Maschinisten (der Betrachter mag den IKEA-Tisch schon vor Augen haben) werden die Gegenstände im Zuge ihrer Betrachtungen aus ihren Zusammenhängen herausdifferenziert und sind fürderhin nicht mehr „sich selbst“, nicht mehr als „in-sich-selbst“, d. i. als in ihre „natürlichen“, „um-weltlichen“ Zusammenhänge eingebettet, d. i. weiter gefasst dasjenige „Gesetz“, das vom Menschen gesetzt wird, d. i. bei Kant: Moral und Sittlichkeit differenziert nach inneren und äußeren Bestimmungsgründen (vgl.: Kant, Kritik der praktischen Vernunft, 1788, 68 ff), von der Natur als dasjenige „innere Prinzip“, das dem Wesen der wohlgeordneten Welt entspricht, d. i. bei Kant: ein Ganzes nach den Systemen der Zweckmäßigkeit. (Vgl.: Kritik der Urteilskraft, 1790, §83) Erinnert sei hier auch an die aristotelischen Tugenden und zahlreiche Textpassagen im AT: in Bezug auf die Dinge das Taugliche, das Zweckdienliche und in seiner Wirkung angenehme, die Bäume sind gut als Obstlieferanten (Gen 2,9); Worte sind gut, wenn sie etwas bewirken (Jos 21,45), usw..

Verstanden aber als ontisch-ontologische Differenz, als Differenz von Sein und Seiendem, (Heidegger, Sein und Zeit, 1927, §2-3), d. i. der Unterschied vom Verstehen eines Seienden (Noumena) und dem innerweltlichen Seienden selbst (Phaenomena), gilt uns die Entfremdung in erkenntnistheoretischer Hinsicht als fundamentales Problem der kunstfertigen Interpretationsmöglichkeit, d. i. sinnliche Anschauung in Anwendung sinnlicher Kunstfertigkeit, des Menschen. (vgl.: Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1787, B 294 ff)

Dieses Vorgehen, nämlich ein Seiendes in kategorisierender, differenzierender Technik, [d. i. in Anwendung logischer Vernunft bis ins Unteilbare zerlegende, laborierende, kategorisierende, typisierende Untersuchung an Seiendem durchführen und dem Verstande Ergebnisse als bestimmte Erkenntnisse über es (topisch) zuführen, welche es in logischem Schließen und im Ziele des Forschenden in Wahrheit und Mitte, vor allem aber in Absicht zu sein „erwünscht“ ist], reißt den Gegenstand der Betrachtung immer aus seinen sowohl inneren, als auch äußeren Zusammenhängen heraus und impliziert, wie bereits in aller Deutlichkeit ausgeführt, die Auslassung der Einlassung, d. i. nichts anderes als die geflissentliche (fleißige) Vermeidung von Einbeziehung multidirektionaler Wirkzusammenhänge und umfassender Anschauung im jeweiligen natürlichen Umfeld des Seienden als ein Ganzes, bzw. deren Ausblendung.

Der Herausriss hat uns hier ausdrücklich zu interessieren, weil erstens alle naturwissenschaftlichen Disziplinen auf Identitäten und Differenzierungen zielen und dies das Alleinstellungsmerkmal der Naturwissenschaft, d. i., ganz allgemein gesetzt, die menschliche Natur, die Wissen schafft, schlechthin.

 

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