4. Isomorphe Gestalt als Verinnerlichung von Äußerlichkeit

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Will man eine Unterscheidung alles Seienden in äußerlich und innerlich, so setzen wir zuvorderst beides in ungleichem Gewichte als Seiendes, wobei das Innerliche mitnichten auch nur das Geringste der Quantitäten, Qualitäten, Relationen oder Modalitäten, d. s. die reinen Verstandesbegriffe gemäß Kants Tafel der Kategorien (vgl.: KrV, B 106),  des Äußerlichen an sich hat, es also in Frage zu stellen ist, ob das Innerliche überhaupt ein innerliches Seiendes ist und mit dem Äußerlichen irgendwie korrespondiert, oder ob es sich vielmehr ganz anders herum verhalte, oder ob gar nichts zum Unterschiede gegeben sei.

Der Reizüberweisungen (äußerliche) gibt es, über die der Sinnesreize hinaus, freilich vielerlei mehr. Einige lassen sich bloß unter Zuhilfenahme technischen Geräts ausspähen. Wir halten es für ziemlich wahrscheinlich, doch das ist, wie auch bezüglich aller Sendungen des subjektiv Inneren an sich selbst, reine Spekulation, dass es eine an Größe ungeheure Zahl unerkannter, ja unerkennbarer „Sendungen“ gibt, die unserer Kenntnis niemals zufließen werden können, da sie weder der „Sensorik“ menschlicher Sinnesorgane noch irgendeiner „Kunstfertigkeit“ menschlichen Vermögens übersetzbar „chiffriert“ sind.

Dasjenige Äußerliche, das diesen koordinierenden Sinneskomplex – gemeint ist mit diesem Komplex der ganze Mensch als lernfähiger, sensitiver, diploider Organismus, wobei hier Haut und Haare und überhaupt alles Innere der gesamten Erscheinung mitgerechnet werden muss – von Anfang an, unmittelbar und mittelbar sinnhaft, d. i. wirklich umgibt, schreibt dem Innerlichen, also vorzüglich (in erstem Rang) dem lustvollen, neugierigen, kindlichen Gemüt, dreierlei Prädispositionen ein: zum einen eine physiognomisch-affizierende (beispielsweise heiß-kalt), des weiteren eine sprachlich-reflektierende (beispielsweise richtig-falsch) und schließlich eine habitualisierend-kulturelle (beispielsweise schön-hässlich). Diese ab der Geburt sich rasch einwachsenden Prädispositionen geben eine innere Präjustifikation des Äußerlichen vor und (prä-) konditionieren den gesamten Organismus. Entscheidend ist bei diesen strukturgebenden Prozessen (im Einzelnen sind dies laut psychoanalytischer Entwicklungspsychologie sogenannte Internalisierungsprozesse: 1. Inkorporation, archaische Objektqualitäten werden „eingegeben“; 2. Introjektion, Äußerlichkeiten werden als reale Objekte mit ihren diversen Qualitäten von Werten und Normen meist als aversive Realität der tiefen Ich-Struktur „eingegeben“ und in Unlust nach außen projiziert; schließlich 3. Identifikation, innerseelische Prozesse erzeugen identitätsstiftende Gefühle der Zugehörigkeit) die kognitive, d. i. die wiedererkennende, aber Informationen umgestaltende Vergewisserung seitens des sehr schnell und begierig lernenden Organismus, die ihm via kritischem Feed-back durch das ihn erziehende Umfeld zukommt. Er will schließlich dank der ihm vom ersten Tage an als freudvolle Belohnung zufließende, als sein ganzes lustvolles Tun bejahende Geste mit seinen Interpretationen richtigliegen und seine unbeholfenen Überlebensversuche zu einem Gelingen hin korrigieren und verbessern.

In der Wiederholung, d. i. Ein-Übung des Vergewisserten, bestätigt das Äußerliche, d. i. bei Aus-Übung am oder im Äußerlichen, dem Innerlichen den Seins Charakter des je Äußerlichen durch zweierlei: einmal wird dessen Beharrlichkeit (Konstanz) gegeben und zum anderen dessen Wandelbarkeit (Dynamik), durch was je beides im kindlichen Forschergemüte Reliabilität der „Erscheinung“, der „Existenz“ des Äußeren sukzediert, d. i. das für-wahr-Nehmen des Gegebenen, bzw. das Verinnerlichen des Äußerlichen. „Täuschung“ und „Enttäuschung“ wären im Zusammenhang mit Zuverlässigkeit, bzw. „Verlässlichkeit“ wichtige Begriffe, die in einem umfassenderen Werk nicht weggelassen werden dürfen; dies sind sichtgebende Positionen um den Begriff der formalen Genauigkeit herum, die helfen, Beharrlichkeit und Wandelbarkeit präziser zu fassen.

Dasjenige Innerliche des letztlich ausgebildeten Erwachsenen ist es, das dem Äußerlichen nun also in Ungestalt einer transformierten (transzendierten) Wirklichkeit zurückkommt und das uns ganz und gar am „Wahrnehmen“ von „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ interessiert, dieses Äußerliche nennen wir innen isomorph, d. i. in des Äußerlichen Gestalt gleich. Damit meinen wir die Gestaltsidentitäten, die uns innen, wie außen als „bekannt“ vorkommen und die als identische Gestalten assoziiert werden, die aber mit der Wirklichkeit nunmehr wenig, mit den teleologischen Wirkungen unseres Handelns hingegen eine ganze Menge zu tun zu haben scheinen. Wenn wir zum Beispiel sagen: „Stiel, Blatt, Blüte“, so denken wir sofort an eine „Blume“; sagen wir hingegen: „Stamm, Ast, Laub“, so ist es sofort ein „Baum“, den wir uns vorstellen. Wenn wir allerdings die leuchtend roten Blüten zwischen grünen Ähren blühen sehen, dann sagen wir beispielsweise: Oh, schön! Klatschmohn. Und wir meinen damit weder die äußere noch die innere Gestalt, sondern wir benutzen bloß ihren Namen, den wir einst der äußeren Gestalt zugeordnet haben, um uns mit anderen Menschen „über sie“ als einem „Es“ zu verständigen und auch um etwa selbst mit der Gestalt in eine Art „analytisches Gespräch“ zu geraten und überhaupt etwas über sie sagen zu können, oder gar mit ihr auf künstlerischem Wege identisch zu werden, was merkwürdiger weise nur im Verlassen der sprachlichen Konventionen gelingen kann, nämlich in der Kunst. Vielmehr meinen wir also das Phänomen selbst, wie es sich zwischen den grünen Ähren zeigt, wenn wir sagen: „Oh! Schön! Roter Klatschmohn.“ Wir meinen also nicht die sprachlichen Chiffren, bzw. enzyklopädischen Kodizes, die wir den Dingen im laufe der Zeit um uns herum begrifflich zugeschrieben haben, die aber bloß wir Deutsch sprechenden Menschen „verstehen“, indem wir in dieselbe Sprache sprechender Übereinkunft die Gestalten zur Sprache bringen, so wie wir in unserem Beispiel einst im Namen „Klatschmohn“ dessen Gestalt vergruben. Wir meinen also gerade die nichtsprachlichen, desto schärfer Identität stiftenden Merkmale, und hier sind wir geneigt den Begriff noch zu verstärken: die außersprachlichen Identitätsmomente.

In den außersprachlichen Identitätsmomenten liegen diejenigen Identitätskriterien, denen mit beschreibender und umschreibender Sprache gar nicht weiter beizukommen ist, die aber viel eher zum Verständnis und zur Einsicht der ursprünglichen, eigentlichen, wesenshaften, wesensinhärenten Merkmale der Identitäten, sowohl von „äußeren“, wie auch von „inneren“, insofern sie der Äußerlichkeit gemäß ihres Daseins im Ganzen korrigiert sind, identische Gestalten zu sein, verhelfen könnten.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis oder zum nächsten Kapitel

^

0 comments on “4. Isomorphe Gestalt als Verinnerlichung von ÄußerlichkeitAdd yours →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.