2. Zeitlichkeit ist reine Formalität zwischen Äußern und Innern

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Die drei Aspekte der Zeitlichkeit, namentlich Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, äußern in ihrer sprachlichen Chiffrierung immer auch ein prädikatives Verhältnis mit und scheinen auf eine Äußerlichkeit gerichtet zu sein. Bei Hegel ist die Natur nicht äußerlich, sondern die „Äußerlichkeit macht die Bestimmung aus, in welcher sie als Natur ist.“ (Vgl.: ebd., §248). Insofern „die Natur“ ein Inneres sei, das aller (dem Menschen in Anschauung) gegebenen Äußerlichkeit „inne sei“, sind wir geneigt dem zuzustimmen. Jedoch: mit der den Aspekten der Zeitlichkeit (Tempi) rein sprachlichen Anhaftung inhaltsleerer Kopulae („sein“, „werden“ und „bleiben“, aber auch den konstruierten, z.B.: „erscheinen“ oder „vorkommen“) bedeuten diese zeitlichen Aspekte auch immer das Mitäußern und Mitmeinen der Art und Weise der „Gegebenheit“ von Äußerlichkeit durch deren Prädikat.

Die sprachliche Verwendung einer Kopula ist womöglich das einzige erschöpfende Indiz jener „Zeitlosigkeit“, in der alle Äußerlichkeit immerhin sprachlich ist. Einer Äußerlichkeit kommen womöglich die Aspekte der Zeitlichkeit bloß in Hinsicht auf das „Zur-Sprache-bringen“, als „derselben, da“, grammatikalisch zu und sind aber, je nach der Weise des Sprechens, gleich wieder aus ihr zurückgenommen. Zusammenfassend gesagt, kommen also allen Aspekten von Zeitlichkeit in ihrer sprachlichen Wendung, d.i. Verwendung, d. i. Redewendung, dieselben sprachlichen Argumente zu, die zum Verständnis von Zeitlichkeit überhaupt erbracht werden können. Kopula stehen grammatikalisch in unterschiedlichen Tempi. Wir halten es mit vorstehenden Begründungen durchaus für angebracht, alle drei Aspekte der Zeitlichkeit in gleicher Wichtung in ein und denselben Zeitbegriff, namentlich die Zeit zusammenzuschließen.

Einen Zusammenschluss aller Aspekte des Äußerlichen, die uns in der Zeitlichkeit, also in der Sprachlichkeit, auf ganz unterschiedliche Weise „vorkommen“, in ein und denselben Daseinsbegriff als ein „Sein“ oder in einen materiellen oder gar ideellen Existenzbegriff  als ein „Gegenständliches“, ein „Existierendes“ zu vollführen, halten wir bislang noch für blanken Unsinn. Da wir induktiv arbeiten, kommen wir uns bisweilen so vor, als kreisten wir wie Motten um ein Licht; wir wollen des Lichtes wegen einen solchen Schluss nicht gänzlich aus dem Sinn nehmen, halten uns also diese Möglichkeit für die Zukunft (bis zum Ende) offen.

Allerdings erachten wir den Zusammenschluss gar sämtlicher Äußerlichkeiten in ihrer außersprachlichen Natur als ein Äußeres für zwingend notwendig, weil ein Inneres in derselben außersprachlichen Natur all der Äußerlichkeiten Bedingung ist. Ob ein Umkehrschluss von Richtigkeit ist, geben wir zum Bedenken: Wir erinnern an das  cartesianische cogito ergo, das uns sowohl ein fundamentalontologisches Phänomenon, als auch ein rationales Dilemma vorlegt:

Einerseits wird darin in dem Satz: „Ich denke, also bin ich“ (cogito ergo sum) das „Ich“ selbst zur Äußerlichkeit des Selbst entäußert, (d. i. zum begrifflichen Gegenstand transzendiert,) und fungiert als kausale Ableitung eines dem Ich übergeordneten Denkvermögens des Selbst, (womöglich dem Vermögen eines Ich-selbst); mit anderen Worten: weil ich (als denkende Substanz) ein Ich zu denken vermag, bin ich ein Ich (als ein Subjekt), oder noch abstrakter: weil ich selbst es bin, welcher sich als ein Ich denkt, muss ich ein Ich sein, das, sich selbst zu denken, in der Lage ist. Hier wäre das Phänomen „Ich“ als eine Identität, d. i. ein sich selbst denkendes Wesen an sich schon zulänglich geäußert, aber eben nicht in reiner Beziehung auf die Anschauung, sondern: “nur relativ auf das Denken und die Einheit des Bewußtseins”. (Vgl.: Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1787, B 411; darin Kant das im hier vor- und nachstehenden Absatz beschriebene Verfahren als einen Paralogismus der rationalen Psychologie bezeichnet.)

Andererseits wird in dem Satz: „Ich existiere im Vollzug des Denkens“ (ego existo quamdiu cogito), hingegen das Denken selbst zur Äußerlichkeit erhoben und fungiert als kausale Bedingung (als objektivierende Ursache) eines Ichs; mit anderen Worten: Ich existiert in einem Denken; während es sich ein Ich denkt, existiert es, oder noch abstrakter: unmittelbar während des Denkens, (d. i. im Denken seiende Existenz), übe ich erst ein, als ein Ich zu existieren. Ein „Ich“ existiert, auf diese Weise gedacht, nur während des inneren Vollzug des Denkens. Wir bemerken hier deutlich die enge Verknüpfung mit dem zeitlichen Aspekt Gegenwart, denn nur im gegenwärtigen Prozess, kann sich unser Denken vollziehen. “Da nun der Satz: Ich denke, (problematisch genommen,) die Form eines jeden Verstandesurteils überhaupt enthält, und alle Kategorien als ihr Vehikel begleitet, so ist klar, daß die Schlüsse aus demselben einen bloß transzendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können, welcher alle Beimischung der Erfahrung ausschlägt, […] Nicht das Bewußtsein des bestimmenden, sondern nur das des bestimmbaren Selbst, d. i. meiner inneren Anschauung […], ist das Objekt.” (Ebd.: nach Korrektur durch Hartenstein und Erdmann, B 406 f.),  ist freilich damit erst am Beginn der Suche nach einer Erklärung dieses eigentümlichen Satzes; in unserem Stücke soll uns Kants Ansetzen im Kern seiner Kritik der reinen Vernunft soweit genügen.)

Da aber diese Innerlichkeit „Ich“ eben nicht als ein Äußeres vorkommt, sondern uns „nur“ rein sprachlich, zwar auf der Grundlage der immer schon vorauslaufenden „Raum-Zeit-Erfahrung“ ein Zeitgefühl, d. i. ein Gefühl von umgreifender Präsenz des Ganzen, präjudiziert und uns eine individuelle Einheit als ein Subjekt, als ein „Ich“ gibt, befinden wir uns im „Fühlen“ von Zeit und insgesamt in all unseren fortlaufenden „Wahrnehmungen“ von Äußerlichkeiten vermutlich auf einem Holzwege. Exakt diese Thematik ist es, welcher unsere ganze Aufmerksamkeit zufließen soll und die es vorbereitend gilt, noch genauer zu untersuchen.

In der Annahme, sowohl über reflektierende und bestimmende Urteilsvermögen (vgl.: Kant, Kritik der Urteilskraft, §69), als auch über ein auf empirischer Erfahrung beruhendes „Gefühl“ der Sache gegenüber zu verfügen, dürfen wir in unserem logischen, d. i. technisch gedachten Entwurf eine wissenschaftliche Antinomie feststellen: Der Begriff „Gegenwart“ zielt u. E. ja auf etwas, das wohl eher in der Natur des selbstreflektierenden Menschen seine Herkunft hat, weniger in der Natur selbst, wo Zeit wie Raum keine innernatürlichen Zusammenhänge aufweisen. Denken wir nur an die Begegnung mit dem Reh, die für uns wohl eine gewisse Weile andauert, (streng genommen dauert sie, da wir sie hier als ein „Erfahrenes“ berichten, noch immer an), in der aber Zeit und Raum schlicht überhaupt nicht als „Zeit“ und „Raum“ vorkommen, für den Menschen also bloß eine „willkürliche“ Form von „Gewahrwerden“ in einer Weile sind. Wobei gesetzt eine „Weile“ für uns nichts zeitliches an sich habe, sondern ein reines Gefühl sei. (Eine genauere Untersuchung der Begriffe „Weile“ und „reines Gefühl“ als Kategorie sind unerlässlich, weil sie womöglich die einzigen Zugänge überhaupt zu unserem Verständnis von „Gegenwärtigkeit“ sind!) Heidegger folgert aus Hegels Ableitung der Zeit, die aus der Aufhebung der physikalischen Raum-Zeit-Punktualität als „Gleich-Gültigkeit“ herausgeführt wird, einen Sinn, nämlich den der Wirklichkeit: „Soll diese [Hegels] Erörterung überhaupt einen ausweisbaren Sinn haben, dann kann nichts anderes gemeint sein als: das Sichfürsichsetzen jedes Punktes [im Raum] ist ein Jetzt-hier, Jetzt-hier und so fort. Jeder Punkt ‚ist‘ für sich gesetzt Jetzt-Punkt. ‚In der Zeit hat der Punkt also Wirklichkeit.‘ Wodurch der Punkt je als dieser da sich für sich setzen kann, ist je ein Jetzt.[…] Die Zeit enthüllt sich für diese Auslegung als das ‚angeschaute Werden‘. Dieses bedeutet nach Hegel [so Heidegger] Übergehen vom Sein zum Nichts, bzw. vom Nichts zum Sein.“ (Heidegger, Sein und Zeit, 1927, Niemeyer, 1986, Seite 430).

Vorstehendes diene uns hier lediglich als Vermittlung einer leisen Ahnung ob jener Tiefen, in welchen dieser Problematiken bereits gedacht wurde. Um den guten Willen der Hörer (Leser) nicht weiter zu strapazieren, wollen wir uns hier nicht noch tiefer in diese sprachlich doch recht schwer zugänglichen Chiffren einlassen, obschon: auch wir werden fürderhin nicht faul und mühelos an einer Oberfläche dahintreiben.

Das Naturwissenschaftliche an einer Untersuchung der „Gegenwart“, wie auch das Geisteswissenschaftliche, versachlicht gezwungenermaßen die Gegenwart und erhebt sie in einen Stand (Stillstand), den „Gegenstand“ unserer Forschung und löst diesen erwartungsgemäß aus seiner „Gegenwärtigkeit“ und somit aus sämtlichen seiner Zusammenhänge, in denen wir ihn wähnen, heraus. Diese Zusammenhänge sind freilich eine der Hauptsachen unserer Untersuchungen.

Wir alle sind Forscher. Das Zeit- bzw. Erfahrungsverständnis eines Forschers, d. i. je unser individuelles „Verhältnis-zu“ in belange von Zeit und Erfahrung, ist ebenfalls innerhalb sämtlicher Zusammenhänge als integraler Bestandteil immer schon (a posteriori) hin-, bzw. angenommen; und hierin führt der Forscher seinen Forschungsgegenstand auf diese laborierend abstrahierende Weise seiner Theorie zu. In einer Absicht stellt er sich und seine „Sache“ kraft seiner gezielten Anstrengungen in ein völlig anderes Feld, legt sich nun in billigen Kopien und rein spekulativen Zusammenhängen fest und wird unter diesen dem Forschungsziele angepassten Umständen und Bedingungen, die einen Gegenstand erst zu dem machen, was er nachläufig zu sein vorgeben soll, selbst hierin zu einer reinen Abstraktion.

Vorliegende Schrift diene, wie gesagt, wenigstens dem Einstiege in eine Thematik, so ist sie eine nach unserem spontanen Verstande sortierte Zusammenschrift lauter Einfälle, die unser Gefühl überkommen, wenn wir uns in ihr bewegen. Einer schlüssigen Philosophie weit entfernt, soll sie aber zumindest für uns wertvolle Sammlung bedeutender Eingebungen sein und nichts weiter wollen, als uns zu verleiten, uns möglichst „frei“ von „Vorurteilen“ auf ein Nachdenken derselben einzulassen.

Eine genauere Erörterung der Herkunft der zeitlichen Dimension als einem wesentlichen Teil eines gedachten Kontinuums, innerhalb dessen der Mensch seine Existenz zu befristen glaubt, brauchen wir aus genanntem Grunde hier gar nicht durchzuführen: darüber hinaus führte sie u. E. wie Hegels „Raumpunkt“ erneut auf einen Holzweg, denn dieser mündete exakt in die selbige, eingangs eingehend behandelte Problematik des „Sich-Verlierens“. Der hier verwendete, erweiterte Begriff „Forscher“ als eine aus des Menschen Wunderfitz, d. i. seine Neugierde, gefolgerte Spezifikation, bedarf ebenfalls einer eingehenden Untersuchung, die jedoch aufgrund abwegiger Tiefe den Gang in unserer Sache eher hemmt und besser an anderer Stelle durchgeführt werden muss. Was die Zeitlichkeit selbst angeht, so soll es uns zunächst genügen, dem Begriff Gegenwart eine gewisse „Nichtgegenwärtigkeit“, zumindest aber eine Unbegreiflichkeit, bzw. „Unbegrifflichkeit“ beizustellen, was zugegebenermaßen  etwas Paradoxes an sich hat und ebenfalls in anderem Zusammenhang geklärt werden muss.

Trotz der Kürze, die unserer Absicht, einen ersten Stieg zu einer eigenwilligen Philosophie zu schaffen, nun einmal anhaftet, werden wir weiter unten noch etwas genauer auf die Zeitlichkeit eingehen müssen.

Doch lenken wir zunächst unsere Betrachtungen auf das vergleichende Hin- und Her-Schwingen, in welchem wir unsere Umgebung sinnlich „wahrnehmen“, also auf das objektivierende „Umbrechen“, den „Riss“, oder den „Sprung“ oder wie auch immer man diesen Übergang sonst noch nennen könnte, in dem diese „Praxis“ – man beachte, während des unmittelbaren Vollzugs sinnlicher Anschauung ist diese noch völlig sprachlos – sukzessiv begrifflich um-formt was uns das Umgebende gibt und dieses „Vernommene“ rasch und unmerklich, auf eine abstrahierende, zumindest aber versprachlichende Weise, zur „Theorie“ um-gestaltet und dem begreifenden Verstande zuweist.

Im Blick also ist dasjenige, das sich als Innerlichkeit jener Äußerlichkeit gegenüber irgendwie „befindet“, sowie die Zeitlichkeit, die im Zuge kunstfertiger sinnlicher Anschauung aus der Ewigkeit „herausspringt“.

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