17. Ihre Sprache sprechen, lesen, denken ist den Odem ihrer Geschichte sagen

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Bezüglich der Sprache und des Sagens im Ganzen wollen wir einen kurzen, ungleich flüchtigeren Blick nicht auslassen, bevor wir diesen zweiten Teil unserer Stoffsammlung abschließen, denn er mag uns einen Hauch der Bedeutung von Geschichte übermitteln, die sicherlich in unserem Hauptstücke eine ausführliche Bearbeitung verdiente. Gelingen mag uns dieser hier wenigsten sehr flüchtige Blick in den ausgezeichneten Weisen sprachlicher Gestaltung am Beispiele dreier Quellen:

Zum Zweiten sei eines der ältesten Textzeugnisse des mythologischen Paradigmenwechsels in deutscher Sprache zitiert: das Hildebrandslied, das uns den altdeutschen Sprachgebrauch im 9. Jahrhundert, d. i. etwa 2000 Jahre nach Homer, den wir in einem kurzen Teil voranstellen, zu Verstande bringt:

Zur Einstimmung und zum Vergleich zunächst die ersten Zeilen der Ilias von Homer:

Μῆνιν ἄειδε, θεά, Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος
οὐλομένην, ἣ μυρί’ Ἀχαιοῖς ἄλγε’ ἔθηκε,
πολλὰς δ’ ἰφθίμους ψυχὰς Ἄϊδι προΐαψεν
ἡρώων, αὐτοὺς δὲ ἑλώρια τεῦχε κύνεσσιν
οἰωνοῖσί τε πᾶσι, Διὸς δ’ ἐτελείετο βουλή,
ἐξ οὗ δὴ τὰ πρῶτα διαστήτην ἐρίσαντε
Ἀτρεΐδης τε ἄναξ ἀνδρῶν καὶ δῖος Ἀχιλλεύς.

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Ais [Hades]
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden
Und dem Gevögel umher. So war Zeus‘ Wille vollendet:

Seit dem Tag, als er durch bitteren Zank sich entzweiten
Arteus‘ Sohn, der Herrscher des Volkes, und der edle Achilleus.

(Homer, etwa 850 v. Chr., Ilias, 1. Gesang, Zeile 1-7)

 

Hildebrandslied

(Humboldt Universität, Berlin,) 

Und nun, drittens, ein Zitat aus der „Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands“, die Joseph von Eichendorff um 1850 herum in wunderbarer Form verfasste und die erst 1970 herausgegeben wurde und deren Lektüre wir dem Interessierten sehr empfehlen. In dieser Geschichte schildert Eichendorff den deutschen Anfang in einer wunderbar literaturhistorischen Erzählweise und setzt ihn in das 9. Jahrhundert n. Chr., also in die Entstehungszeit des Hildebrands Liedes:

„Die alten Mythologien waren, bis auf einige vorgreifende Ahnungen und Lichtblicke, wesentlich auf das Diesseits beschränkt, ihre Götter waren potenzierte Menschen oder Naturkräfte. Daher ist auch die alte Poesie, als der Reflex dieser religiösen Anschauungen, im Homer wie in den altdeutschen Heldenliedern, sinnlich, klar und rein menschlich. Als aber das Christentum das irdische Dasein in geheimnisvollen Rapport mit dem Jenseits gesetzt und jene zerstreuten Ahnungen als vorzugsweise berechtigt in einen leuchtenden Brennpunkt zusammengefaßt hatte, so entstand auch sofort eine entsprechende Poesie des Unendlichen, die das Irdische nur als Vorbereitung und Symbol des Ewigen darzustellen suchte. Diese christliche Poesie ist daher übersinnlich, wunderbar, mystisch, symbolisch; und das ist eben der unterscheidende Charakter des Romantischen.“ (ebd., in Band III, Schriften zur Literatur, 1976, Seite 558).

Nun ist es gerade jene christliche Poesie, die in ihrer mystifizierenden, teilweise verklärenden Ausübung von Religion und Glauben vom verheißenen Ewigen Leben kündet und die mit den im Mittelalter aufwallenden, romantischen Vorstellungen in originärer Übersetzung unsere Beziehungen im gemeinschaftlichen Dasein vollkommen verändert und in diesen Geschichten das Leben eines jeden Individuums, in dieses besonders eindringlich, in jenes besonders tief greifend, es jedoch je mit gleicher Macht umfassend, zu beherrschen beginnt. Die christliche Poesie richtet sich seit Anbeginn selbst an ihrer Transzendenz zu Grunde: sich noch keiner Schuld bewusst, überschreitet sie alle Grenzen von Erfahrung, verklärt und beschwert mit der Verherrlichung eines ewigen Lebens nach dem Tode dessen Pendent, nämlich das Leben selbst, hier auf Erden, das freilich idealer nicht sein kann. Sie [die christliche Poesie] lässt das diesseitige Leben der Gut-Gläubigen unvollkommen und verderbt erscheinen, angesichts der prophezeiten Vergebung aller Sünden, die dem Menschen nur von Gott würde erteilt werden können, so dieser das moralische und gemeinschaftliche Verhalten zu Lebzeiten seines Schützlings für gut befinden würde und ihn an der Pforte zum göttlichen Himmel erwartete. Sie setzt das sündige Leben herab, degradiert es zum Lamento in einer bedeutungslosen, mühseligen, leidvollen Vorstufe des Ewigen und verspricht Erlösung von allem diesseitigen Übel, indem der Verderbte sich noch zu Lebzeiten reumütig, bußfertig und fürbittend Vergebung und Gnade für seine Verfehlungen erfleht. Im Christentum ist somit nach dem Ableben alles entschieden: der Gerechte bestimmt alles Weitere: paradiesischer Himmel oder ewige Hölle. Vor allem aber hilft die christliche Poesie dem Gläubigen selbst: im Gebet, Hoffnung auf ein besseres Leben und ein reines Gewissen qua seiner moralischen, ehrvollen und tugendhaften Lebensweise, zu generieren, ist ihr Geschäft. Indem die gelebte Gläubigkeit in ihrer Poesie ein Paradies jenseits von Erden in einem Garten Eden verspricht, vor allem aber in der Barmherzigkeit ihres Gottes, den Sinn und Nutzen eines gottesfürchtigen (profitablen) Lebens hervorbringt, legt sie den mittelalten deutschen Tugenden Demut, Ehre, Güte, Zucht, Mäßigkeit, Tapferkeit, Treue und Würde noch weitaus fruchtbareren Boden unter die Füße. Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß, mithin Gehorsamkeit, Unterwerfung, untertänigste Dienstbeflissenheit und nicht zu vergessen das regulierende Gewissen. So eine Gelegenheit versäumt wird, eine dieser tugendhaften Züge auch in praxi auszuüben, regt sich sogleich das gläubige Gemüt und will Wiedergutmachung. Eine Beichte sollt genügen und Büßen tue im Gebet und den Zehnten sollst du geben.

Alles schön und gut, oft beschrieben, oft benannt und wohl auch allgemein bekannt. Die Hörer (Leser) mögen irritiert sein. Was fangen wir bloß mit all diesen präjudizierenden und prädestinierenden Verhaltenskodexen in unserem speziellen Gebiete an? Ist es wirklich so, dass zweckdienliche und sittliche Kodexe, zusammengebunden in ein paar Büchern uns derart unter die Haut gehen, dass sie sich als genetisch suggerierte Einrede, fernab also aller möglichen individuellen Entwicklungen diverser Lebensgeschichten, darin unzählig diverse Lebenserfahrungen, über einen so großen historischen Zeitraum hinweg als innere, verhaltensweisende Gestalten unserer Gemeinschaften fungieren?

Nun, wir sehen uns durch unsere eigene Geschichte beauftragt, den eigentlichen Grund unseres nach einem Sinn fragenden Wesens von seinem Kommen her zu erhellen, wobei die Grund gebende, uns antreibende Einheit, die uns in unser aller Anfang sicherlich – in sinnlicher Anschauung des Ganzen – in das gewöhnliche Raum-Zeit-Verständnis einschließt, wie gesagt, nicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sein kann. Denn nach eingangs durchgeführter wissenschaftlicher Analyse, sind diese „bloß eingebildet“ und „existieren“ in „Wirklichkeit“ überhaupt nicht. Stattdessen könnte noch eher die Gebundenheit an unsere Mutter (hier auch die Mutter Gottes) und ihre tröstende Weise Mutter zu sein, den Grund unseres nach einem Sinn fragenden Wesens geben (quid opus demonstrandum).

So wäre diese grundgebende Einheit Womöglich nicht das Väterliche, was die Lehre schlechthin nahelegt: das ganze Versprachlichte also: alles geschriebene Wissen, alle sittlichen Normen, alle Grundsätze und Werte, all dies wäre somit das uns vermeintlich ins Leben Einbettende, das uns vermeintlich Sichernde, das uns vermeintlich Auskommen und Orientierung Vermittelnde, was in geschichtlich und mythologisch herübergebrachter, zutiefst dogmatischer Beschwörung vor wortgläubigen Sklaven und Herren, vor Mächtigen und Ohnmächtigen gepredigt, würde so nicht infolge der Lehre das zwischenmenschliche Verhalten und das unsere gesamte Gesellschaft Regulierende und gleichwohl das dem einzelnen Bürger, der einzelnen Familie Zuversicht Stiftende bestimmen; und all dies würde durch die etablierte Lehre selbst nicht als verbindlich akzeptiert worden sein.

Wir werden auch diesen letzten Ansatz noch zu vertiefen haben, denn die so betexteten Tugenden und Moralen sind zwar die philosophischen, ethischen und religiösen Fundamente unserer imperativen Verfassung, in der alle Menschen (die Deutschen in besonders ausgeprägter Weise) alle Arbeit annehmen und zum selben Zwecke auch alle Arbeit vergeben, nämlich um einander täglich Brot zu verdienen und einander täglich Auskommen zu haben: ein Geben und Nehmen, so sagt es der Betriebswirt, freilich je in seinem Stande, aber unter jenen alten Fundamenten löst sich der väterlichen Verfassung Grund.

In actio ist Arbeit Schund. Es ist sinnlos darüber nachzudenken. Wer dies tut, wird schwerer leben, denn Sinn findet sich in Lohnarbeit nur insofern sie nährt. Gefüttert durch die Lehre, läge schließlich im Verstand die Nahrung selbst, und bloß in ihm, des Ganzen Sinn.

Mit der Frage also nach dem Sinn, werden wir den Teil III unserer Untersuchungen fortzuführen haben.

 

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