16. Die Dogmatik systematischer Glaubenslehren erfährt ihr Ende

 Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Neben der naturwissenschaftlichen Matrix, in der der Okzident sich, wie  gesagt, seine rational-funktionale Weltanschauung formuliert, sind die Menschen einer zweiten, die westliche Welt nicht weniger bedrängende dysphorischen Bestimmung unterworfen. Wir nennen diese: die christlich-prämortale Matrix. Mit ihr benennen wir die historische und traditionsverhaftete Allgegenwärtigkeit christlicher Dogmatik, die die gesamten Habitate der abendländischen Zivilisation – ausgerichtet auf den Tod und besonders auf die Vermeidung von Angst vor ihm (und der Sorge um das Sterben) ist die christlich-funktionale Sittlichkeit als abendländisches Programm fundamental-existenzial in unsere Zivilisation eingebettet – schon in die tiefste Unschuld frühkindlicher Individuen hinein oktroyiert. Die Ordnungsprinzipien dieser Dogmatik werden meist, zwar in einschleichender, unmerklicher Weise, pedantisch und wirklichkeitsfremd, aber bedeutungsschwanger formuliert; später altersgerecht ausbuchstabiert sind diese in konzeptionell definierte, Struktur gebende Erziehungsanweisungen maßgebend eingebettet; transmittiert bei Anwendung adäquater Methoden in die rational-funktionale Matrix der Bildungssysteme, wie z. B. Kindergärten und Schulen, in letzteren verabreicht an Tafeln, auf welchen infolge von stetem volkswirtschaftlichen Bedarf und fortwährendem gesellschaftskulturellen Belang ein von staatlichen Ministerien verordnetes Pflichtenprogramm verfüttert wird. Wir beziehen uns auf die Ordnungssysteme, die sich die Menschen der westlichen Welt selbst verschreiben; diese Menschen leben nicht bloß gemäß vorgeschriebener christlich-prämortaler und rational-funktionaler Matrizes, sondern sie machen diese selbst aus, sie sind diese selbst, die im täglichen Bestellen des Bestandes den Erhalt und die Vitalität der genannten Systeme sichern und antreiben.

Eine genaue Untersuchung der Entstehung und der Entwicklung der beiden Matrizes liefert uns die Geschichte und deren Wissenschaften vom Altertum bis in die Neuzeit. Wir sehen für uns nur im Entfernten Berührungspunkte, die womöglich bezüglich der Begriffe von „Freiheit“ und „Wille“ in Vertiefung angegangen werden müssen, und werden vorläufig diese Thematik nicht weiter in unsere Arbeit einfließen lassen. Für uns ist im vorliegenden Zusammenhang der philosophische Aspekt des Jenseitigen und weniger die Angst vor dem Tode, bzw. das psychologische Geschäft mit dieser Angst, das zweifelsfrei durchgängig betrieben wird, von Belang; obschon wir uns selbst, ungeachtet emanzipatorischer Anstrengungen, die wir fortlaufend gezwungen sind, zu unternehmen, nicht in Gänze diesen Ängsten zu entziehen vermögen.

Wir könnten Heideggers Frage: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“, die er als die erste Frage überhaupt, an den Anfang seiner „Einführung in die Metaphysik“ stellt, fortführen und uns fragen: „Warum ist überhaupt Leben und nicht vielmehr Tod?“

Wir würden heute sehr schnell herausfinden, dass Leben selten und das Meiste im Kosmos tote Materie ist; so vermuten es zumindest berühmte Astronomen; nach ihnen würden wir am Ganzen mit hoher Wahrscheinlichkeit keinerlei weiteres Leben finden. Alsdann sähen wir uns getrieben den Begriff „Leben“ überhaupt zu definieren, dann zwangsläufig den des Todes. Wir wollen diesen Gang, der sicherlich den Betrieb einer sauberen lückenlosen Analyse erlaubt, auslassen und gehen stattdessen einen (stets möglichen) anderen. Jenseits des Todes nämlich, lässt sich an der Kultur der Menschen des Okzidents der zweite Teil des Ganzen finden, der also das Leben sei, es aber nicht erklärt. Mit dem Verständnis über den Tod als ein lebloses „Sein“, einem tot-Sein, einem anders-Sein, also einem Sein ohne jeden Lebens, und dem Sterben irgend „wohin“, als ein Hinübergehen von einem Diesseitigen in ein Jenseitiges, steht‘s jedenfalls noch schlechter: wir wissen schlicht vom einen überhaupt nichts und vom anderen haben wir bloß Anschauungen. Wir ahnen, mutmaßen, wähnen, wünschen, glauben, hoffen. Die Identität des Todes allerdings erscheint uns klarer, als jene des Lebens: Etwas lebt nicht, bzw. Es lebt nicht mehr. Wir fühlen keinen Puls. Kurz und knapp, ist damit schon alles geklärt. Unaufgeregt geben wir uns trotz aufsteigender Erkenntnisnot zufrieden, obwohl wir, im Umkehrschluss, auch vom Leben noch recht wenig wissen, tröstet uns am Tod als zweiten Teil des Ganzen, dass er ein Gegen-Teil des Ersten ist und ihm – in wesentlicher Unterscheidung vom Ersten – keiner entrinnen kann. In ihm sind wir alle gleich, so heißt es im allgemeinen lapidar.

Wir finden den Tod in concreto hierzulande freilich nicht, er wird gemieden, wie die Pest, aufgeschoben bis in das Ende eines möglichst langen Lebens. Allenfalls taucht er als eine Karikatur diverser Gestalt auf, die von Kreativen – gewiss bloß in künstlerischem Umgange mit ihm – frei erfunden wird. Der Tod erscheint wenigstens in beängstigender Vorahnung, in mythologischer, bzw. christlicher symbolisierter Beschwichtigung. Die Art und Weise, in der er unsere Einlassung findet, beruft sich in allen Fällen auf abendländische, religiös tief verwurzelte Tradition. Doch auch hier lassen sich rationalisierende Auflösungssymptome der christlich-prämortalen Matrix erkennen: der Wunsch nach Einäscherung ist populär. Der Preis des Sterbens, das auf einem Zettel verfügt wird, und mithin der des Todes, sind – bei des Sterbens nüchterner Betrachtung zu Lebzeiten – die simplifizierenden Argumente in der Erörterung des Umganges mit dem Tode, und der Art und Weise eines irgendwie gearteten Abtretens: ungern wäre man allein, und frei von Schmerzen sollte es sein. Die Geräte sollen nicht unnötig in Betrieb bleiben, sie sollen gegebenenfalls abgeschaltet werden. Keiner soll sich unnötigerweise mit einem Ableben beschäftigen müssen. Die menschlichen Überreste des Lebens sollen verbrannt werden und durch alle Winde sich die Asche verflüchtigen oder in den Wassern der Erde untergehen, friedlich, still.

Da nun gerade die letzten heiligen Relikte religiöser Mythologie (in Kirchgang und Gebeten) im Sterben liegen, das Sterben selbst noch durch die Schuld ihrer letzten Bewahrer im sündhaften Vergriff am Kinde geschändet und es aber angesichts derselben kaltblütigen Ignoranz des Ganzen gegenüber, wohlgemerkt in Wohlstand und Reichtum, mit dem Tode und den Ängsten vor ihm noch nicht genug zu sein scheint, ist es schließlich am selben Menschen, die apokalyptischen Prophezeiungen, die er einst selbst in machtvoller und ungemein nachhaltiger Angst-Doktrin prophezeite, in Form einer Umweltkatastrophe in die Wirklichkeit seines irdischen Daseins einzulassen. Gerade jener Ignoranz wegen wird derzeit allerorts gesagt, dass dennoch alles gut sei, gemeint jedoch vielleicht eher, dass alles wieder gut werde. Dies Sagen geschieht in einer Weise, in der es Mütter an ihren kleinen Kindern tun, wenn diese hingefallen sind und diese – im Glauben, es sei mit ihnen etwas ganz fürchterlich schlimmes passiert – laut losheulen! „Alles Gut!“ So lauten dann, als sei nichts schlimmeres geschehen, die tröstenden und fürsorgenden Worte der Mutter. Neuerdings – und es hat sich tatsächlich in den allgemeinen Sprachgebrauch eingenistet – sagen sich des Öfteren Erwachsene einander diesen Satz, mal flüchtig daher gesagt, mal nebenbei bemerkt, aber bei jeder nur denkbaren Gelegenheit. Eigentlich fühlen wir es mehr, als dass wir es sehen oder hören könnten, nämlich dass diese Vokabel in Wahrheit das lautlose Ende der „Gut-Gläubigkeit“ anzeigt und nehmen sie deshalb hier auf. Es scheint so, als würde in dieser Wahrheit eine letzte Hoffnung verkündet, als würde nun plötzlich jedes Mitglied der Gesellschaft die eigene Resignation kapiert haben, nämlich dass dieser unbändige Lauf der Dinge nicht zu stoppen ist. Wir können diesen Satz, „Alles Gut!“, bloß in psychologisch-spekulativer Begutachtung deuten: etwa als ein Versuch zur Beruhigung, bevor überhaupt eine Aufregung entstehen mag, eine Art präventive Entspannung, als eine Aufforderung zur Gelassenheit, als eine fürsorgliche Freisprechung der angesprochenen Personen, frei, etwa von einem Fehler, einer Unachtsamkeit, einer Schuld oder einer Verantwortungslosigkeit. Schuld, erlassen und verkündet an einer Kasse im Supermarkt, am Schalter einer Bank, im Bus, in einer Amtsstube, durch die beruhigende Gelassenheit des Menschen, der sie spricht, höchst selbst: „Alles gut!“, das sagt aber viel mehr, als es vielleicht meint: darin ist die Erlösung vom Ganzen angesprochen, die möglichst einen verträglichen, beschwichtigenden, unaufgeregten Charakter, an sich haben soll; allerdings ist diese Aussage in ihrer Wirkung auf uns persönlich, eher eine verräterische, eine, die verstörende Irritation auslöst, so als wären durch eine plötzliche allgemeine Erkenntnis unsere sozialen Bemühungen und Interaktionen völlig unnötig, zwecklos, in ihrer Wirkung belanglos und in ihrem Wert für unnütz erkannt und somit ohne Bedeutung. Es ist beileibe nicht so, dass dieser Ausruf unser Gemüt, oder das Gemüt des Gegenübers beruhigen könnte, was freilich der Absicht dieser Entäußerung entsprechen mag, in der sie gesagt wird. Niemand soll beklagt werden, nichts soll für falsch befunden werden. Dies geschieht in einem Narrativ, in dem beileibe nichts Gut mehr zu sein scheint, also sprechen die Leute ein kindliches Gemüt tröstende Wort und beruhigen sich hierin rein selbst. Und so leben Dieselben, gleichgültig lächelnd, höchst freundlich, ohne Ecken und Kanten, in zunehmender Auslassung des Großen und Ganzen, in oberflächlicher Bemühung um Verdrängung des Übels, über ihr eigentliches Leben hinweg, jener letzten Konklusion entgegen und geben ihr den lapidaren Titel eines Endes, das schlussendlich jeden trifft, früher oder später: „Alles gut!“

Wir mögen uns nun in vorstehenden Einschätzungen völlig geirrt haben, womöglich ist diese Floskel bloß eine Mode, die wir unseres Alters wegen nicht verstehen, womöglich übertreiben wir auch stilistisch ein wenig, womöglich befinden wir uns mit unseren Vernehmungen und unseren Interpretationen von vorn herein auf einem Holzwege, aber dennoch sind wir uns in unserem Gemüte über eines sehr sicher: es ist gar das Eigentliche, das im Allgemeinen einen solchen Ausdruck findet. Die Forschergruppe um Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski findet in ihren Studien, „dass Menschen über zwei unterschiedliche Arten von psychologischen Verteidigungsmechanismen oder Abwehrstrategien verfügen, um mit Gedanken an den Tod zurechtzukommen. Wenn wir uns des Todes bewusst sind, wird unsere proximale Verteidigung aktiviert. Es handelt sich dabei um rationale oder rationalisierende Versuche, diesen Gedanken wieder aus dem Kopf zu bekommen. Wir unterdrücken solche unbehaglichen Gedanken entweder, versuchen uns abzulenken oder verschieben das Problem Tod in die ferne Zukunft. Die unbewusste Präsenz des Todes in unserem Gehirn hingegen löst unsere distale Verteidigung aus. Diese hat keinerlei logische oder semantische Relation zu dem Problem Tod. Härtere Strafen für ein Vergehen zu verhängen, andere Menschen, die unsere kulturellen Werte in Frage stellen, schlechtzumachen oder unserem Selbstwertgefühl Auftrieb zu geben, hat wenig bis gar keine direkte Bedeutung für die unumstößliche Tatsache, dass wir eines Tages sterben werden. Dennoch wirken diese Mechanismen dänmpfend auf unsere Todesangst, weil sie die Gewissheit bedienen, dass wir in irgendeiner Form von wie auch immer gearteter Kontinuität nach unserem Tode weiterbestehen. […] Und während Sie so ihren Tag bestreiten, sorgen Ihre proximalen Verteidigungsmechanismen unablässig dafür, dass Sie die vielen täglichen Konfrontationen mit dem eigenen Ende übergehen oder wegschiebnen können – die Tränensäcke unter Ihren Augen, die Nachrichten von Erdbeben und Bomben in fernen Ländern und so weiter. Solange Sie sich immer sagen, „Nicht mich, nicht jetzt“, sind all diese Winke nichts als weißes Rauschen. Ohne diese Verteidigungsmechanismen würden Sie möglicherweise unablässig in Panik verharren. [Oder sich das Leben nehmen.*]“ (Solomon, Greenberg, Pyszczynski, Der Wurm in unserem Herzen, 2016, S. 244f).

[*Unsere Mutter trat zwischen die Gleise, in Erwartung eines herbei rasenden Zuges. Sie muss von der massigen Stirn dieses Ungeheuers frontal ergriffen und in Stücke gerissen worden sein. Sie musste lange zuvor schon mit diesem Plan begonnen und ihren Freitod wohl genauestens geplant haben, Indizien belegten das. Der Schock des Lokführers und die das Grauen aus der Welt schaffenden Aufräumarbeiten der Polizeibeamten mussten wohl durch das unendliche Maß an Verzweiflung, die unsere Mutter traf, in Kauf genommen worden sein. Ein Arm fand sich 50 Meter abseits von den Gleisen. Einige Körperteile konnten nicht mehr gefunden werden. Den Hinterbliebenen, insbesondere uns selbst, ihren Söhnen, die sich fürsorglich, in Trost und Hoffnung spenden wollender Absicht um ihre Genesung bemüht hatten, legte sie mit ihrer Tat ein unbegreifliches Bild des Grauens ins Gemüt, das wohl nie vergehen wird. Nur schwerlich vermag uns jener Beileid und Trost bekundende Satz, („Es wird alles wieder gut.“), zu trösten, wenn er auch in warmherzigen Tonfall und tiefstem Mitgefühl mitgeteilt wird.]

Die Sorge-für und das sich-Sorgen-um, werden, ganz allgemein gesprochen, zunehmend mit übertriebener Herzlichkeit und einnehmender Freundlichkeit kaschiert, und dies entspricht unseren ganz persönlichen Beobachtungen, es wirkt auf uns, als seien die Weisen der Sorge aussterbende Gesten von Gestern und als sollten sie mit dem Ausdruck „Alles Gut!“ zurückgegeben (überholt) und abgewiesen (überwunden) werden, die Ängste aber und Befürchtungen, also die Sorge selbst, soll der inneren Beschwichtigung dienen und dem ausweglosen Ende zugeteilt und somit verdrängt sein.

Eine nähere Analyse der psychischen, bzw. der wahren Verfassung all jener, zu Beginn unserer Beobachtungen von vorwiegend jüngeren Menschen, mittlerweile von Menschen jeden Alters, durchzuführen, bleiben wir hier schuldig.

In einer Hinsicht auf das Ganze gewinnt Kant in seinem letzten Kapitel der Kritik der reinen Vernunft, das er mit „Geschichte der reinen Vernunft“ überschreibt, Abstand zu seinem eigenen Werk, indem er es als eine flüchtige Wenigkeit in das geschichtliche Ganze einordnet: „Dieser Titel steht nur hier, um eine Stelle zu bezeichnen, die im System übrig bleibt, und künftig ausgefüllt werden muss. Ich begnüge mich, aus einem bloss transzendentalen Gesichtspunkte, nämlich der Natur der reinen Vernunft, einen flüchtigen Blick auf das Ganze der bisherigen Bearbeitungen derselben zu werfen, welches freilich meinem Auge zwar Gebäude, aber nur in Ruinen vorstellt.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1787, B 880)

Wir deuten dies nicht als eine Bescheidenheit Kants, sondern bei aller Auslassung als eine Einsicht, und wir teilen diese.

 

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