15. Erfahrung ist mögliche Erinnerung von Erlebtem, aber was ist Erkenntnis?

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Weltanschauliche Bewegungen, Strömungen, die durch Heranziehung okkultistischer, anthroposophischer, metaphysischer Lehren und Praktiken auf Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung des Menschen abzielen, (vgl.: www.duden.de, Esoterik, Stand 12.10.2021), werden als esoterisch oder als in ihrem Denken wissenschaftlich inkorrekt an einen Rand gestellt. Dieser Rand erinnert an eben jene Enge, von der noch ausführlich die Rede wird sein müssen, und von wo aus vermeintliches „Wissen“, d. i. die Summe aller Erkenntnis (innerhalb dieser Schale), aufs Ganze hin relativiert werden muss.

Einmal auf diese Weise angesetzt, haben wir nur so ein Gefühl dazu: Wir sollten die Dinge um uns herum nicht ausschließlich als Gegenstände begreifen, die wir mit Fingerzeig und Begriffen belegen. Wir stellen uns zwar damit entgegen Kants Ansichten von Gegenständen, sind uns aber über den Hinausgriff in eine weitere Dimension, die nicht Zeit, nicht Raum ist, schon an dieser frühen Stelle, noch ohne diese Dimension benennen zu können, bewusst.

Doch zunächst Kant: „Sich einen Gegenstand denken und einen Gegenstand erkennen, ist also nicht einerlei. Zum Erkenntnisse gehören nämlich zwei Stücke: erstlich der Begriff, dadurch überhaupt ein Gegenstand gedacht wird (die Kategorie), und zweitens die Anschauung, dadurch er gegeben wird; denn konnte dem Begriffe eine korrespondierende Anschauung gar nicht gegeben werden, so wäre er ein Gedanke der Form nach, aber ohne allen Gegenstand, und durch ihn gar keine Erkenntnis von irgendeinem Dinge möglich; weil es, so viel ich wüßte, nichts gäbe noch geben könnte, worauf mein Gedanke angewandt werden könne.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, § 22, B 146)

Wir folgen der Ansicht Kants, so sie auf einen Gedanken in einer begrifflichen Form genommen ist, jedoch sehen wir eine Verkürzung in Belang des gesamt möglichen Wissens, jenseits eines einzigen Gedankens, der ja in rein innerer Verfassung gedacht ist und vom Ganzen bloß als ein kleines Teilstück, nämlich dasjenige gut Stück, das überhaupt zum sprachlichen Ausdrucke überführt werden kann, formuliert ist.

Wenigstens die durch Erfahrung begrifflich an den Gedanken gegebene Erkenntnis, die wir wohl auf diesem Wege nicht überwinden werden können, doch aber in einem, um es mit Kants Worten zu sagen, „dritten Stücke“, nämlich im aktiven, unmittelbaren, prozesshaften Vollzug, in dem wir noch gar nicht ans Nach-Denken geraten, sondern bei voller Lebendigkeit in reinem, unschuldigen Erleben von einem „Es“, bzw. in einer alles einenden actio ergriffen sind, – so auch in einer unmittelbar erzählten oder vorgelesenen Geschichte – zeigt sich die im Gemüte des Expedienten (expedire, lat.: versenden, losmachen, frei machen) herausgebildete und in dem von diesem wohl zu unterscheidenden Gemüte des Perzipienten eingebildete, wesentliche Einlassung zum Ganzen hin. Die in voller Weite [alles Mögliche: Bekanntes, Unbekanntes, Vertrautes, Angst einflößendes usw.] „zugelassene“ Einlassung, also die sprachliche, begriffliche und a priori die umfänglich sinnliche selbst, ist ganz ohne Auslassung eine echte Dimension: sie ist vollkommene Erweiterung, sie ist das Eigentliche, das Ganze. Dieses Ganze ist, beschränkt durch die Grenzen unserer Sinnesleistungen und die Grenzen unseres Verstandes, freilich bloß eine kindliche Ahnung, vorbewusst, kommt ganz sprachlos in einem Vollzug vor, in dem schlicht erfühlt, bzw. nachgefühlt, aufgespürt wird, ein Vollzug, in dem eine gegebene Gewissheit des Ganzen, still bis euphorisch als Begeisterung ihr Unwesen treibt. Eine Ahnung ist längst keine Erkenntnis. Wovon indes soll hier stattdessen die Rede sein? Wir wähnen: nichts geringeres als 7 Millionen Jahre Menschheitserfahrung, verborgen in genetischen Codes, nicht bloß als Instinkt, sondern als Wissen, das eingeschrieben ist in Klangfarben beispielsweise, oder in Geruchsnoten, in Geschmacksfindungen, inLaut- und Minenspiel, in Geschichten, usw. usf., Erfahrung, gerade noch als eine stille Ahnung dem wachsenden, frühkindlichen Bewusstsein anheim gestellt. Im wachsenden Verstande gerät sie mit den Jahren unter Druck, bis sie schließlich gänzlich unter Vernunft, Logik und Zweck verschwunden ist und lediglich bei viel Glück in dunkler Erinnerung erahnt, aber längst nicht mehr gewusst werden kann.

Kants Verständnis hingegen bleibt in seiner Kritik streng im Raum und in der Zeit verhaftet: „Nun ist alle uns mögliche Anschauung sinnlich (Ästhetik), also kann das Denken eines Gegenstandes überhaupt durch einen reinen Verstandesbegriff bei uns nur Erkenntnis werden, sofern dieser auf Gegenstände der Sinne bezogen wird. Sinnliche Anschauung ist entweder reine Anschauung (Raum und Zeit) oder empirische Anschauung desjenigen, was im Raum und der Zeit unmittelbar als wirklich durch Empfindung vorgestellt wird. […] Dinge im Raum und der Zeit werden aber nur gegeben, sofern sie Wahrnehmungen, (mit Empfindung begleitete Vorstellungen), sind, mithin durch empirische Vorstellung. Folglich verschaffen die reinen Verstandesbegriffe, selbst wenn sie auf Anschauungen a priori (wie in der Mathematik) angewandt werden, nur sofern Erkenntnis, als diese, mithin auch die Verstandesbegriffe vermittelst ihrer auf empirische Anschauungen angewandt werden können. Folglich liefern uns die Kategorien vermittelst der Anschauung auch keine Erkenntnis von Dingen, als nur durch ihre mögliche Anwendung auf empirische Anschauung, d. i. sie dienen nur zur Möglichkeit empirischer Erkenntnis. Diese aber heißt Erfahrung. Folglich haben die Kategorien keinen anderen Gebrauch zum Erkenntnisse der Dinge, als nur sofern diese als Gegenstände möglicher Erfahrung angenommen werden.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 146/147)

U. E. ist Kant in der Frage nach den Verhältnissen von gegenständlichen Anschauungen und den kategorialen Begriffen, die er diesen zuordnet völlig klar. Doch um nicht in des Teufels Küche zu geraten, vermeidet er in der Kritik der reinen Vernunft jede ontologische Annäherung an mystische, bzw. mythologische Erfahrung. Er deduziert den Erkenntnisbegriff als rein aus einem Urteil, das wir uns aus Notwendigkeit im Verstande bilden und dieser Vorgang entspricht der Entwicklung einer Verstandeserkenntnis; das trifft freilich auf alle sprachlich codierten, einer transzendentalen Verwendung (d. s. i. d. R. Zwecke) zugeigneten Vernunfterkenntnisse und Erkenntnisse zu.

Mit den Problemen der Analysemethodik und den teleologischen und formallogischen Ausrichtungen als eine in jeder Konsens suchenden Absicht innewohnenden Vorverfassungen (Präkonditionierung, d. i. Pawlowsche Konditionierung) allgemein wissenschaftlicher Anschauung, werden wir uns noch in Teil III unserer Untersuchungen zu beschäftigen haben.

Hier, in diesem zweiten Teil der Stoffsammlung unserer Philosophie, sei lediglich in einem letzten Kant-Zitat auf die durch wissenschaftlich methodologische Vorschriften hervorgerufene Enge hingewiesen, die eine saubere transzendentale Deduktion des reinen Verstandesbegriffes nun einmal notwendiger Weise mit sich bringt:

„Wir können uns keinen Gegenstand denken ohne durch Kategorien; wir können keinen gedachten Gegenstand erkennen ohne durch Anschauungen, die jenen Begriffen entsprechen. Nun sind alle unsere Anschauungen sinnlich, und diese Erkenntnis, sofern der Gegenstand derselben gegeben ist, ist empirisch. Empirische Erkenntnis aber ist Erfahrung. Folglich ist uns keine Erkenntnis a priori möglich als lediglich von Gegenständen möglicher Erfahrung.*)“

Kants Fußnote dazu verrät die Grenzen der transzendentalen Deduktion des reinen Verstandesbegriffes, die er freilich in gewohnter Exaktheit in seiner Kritik der Urteilskraft schließlich noch ausführlicher behandelt:

*)„Damit man sich nicht voreiliger Weise an den besorglichen nachteiligen Folgen dieses Satzes stoße, will ich nur in Erinnerung bringen, daß die Kategorien im Denken durch die Bedingungen unserer sinnlichen Anschauung nicht eingeschränkt sind, sondern ein unbegrenztes Feld haben, und nur das Erkennen dessen, was wir uns denken, das Bestimmen des Objekts Anschauung bedürfe; wo beim Mangel der letzteren der Gedanke vom Objekte übrigens noch immer seine wahre und nützliche Folgen auf den Vernunftgebrauch des Subjekts haben kann, der sich aber, weil er nicht immer auf die Bestimmung des Objekts, mithin aufs Erkenntnis, sondern auch auf die des Subjekts und dessen Wollen gerichtet ist, hier noch nicht [Wir lesen hierin einen Hinweis auf Kants Vorhaben, eine Kritik der Urteilskraft zu verfassen] vortragen läßt.“ (ebd., §27, B 165f)

In aller Deutlichkeit sind in vorgenannten Zitaten Kants Prämissen zu erkennen:

1. Die Anwendung kategorialer Begriffe auf empirische Erkenntnis

2. Wissenschaftliches (analytisches und synthetisches) Urteil

3. Wissenschaftliche (reine) Vernunft.

Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass, wenn es darum geht, einen Beweis über die allgemeine Unzulänglichkeit wissenschaftlicher Anschauung in Ansehung von Wirklichkeit zu geben, gerade weil eine solche (bereits in voller Breite gar sämtlicher gesellschaftlichen Belange etablierte) Anschauung logisch, vernünftig, formalrichtig und mithin wissenschaftlich korrekt erbracht ist, es uns in eigentümlicher Weise unumgänglich, ja unerlässlich scheint, genau in der selben logischen und vernünftigen Art und Weise Schlüsse ziehen zu müssen, die einer ernsthaften Kritik standhalten, wenn auch abwegiger Absicht (bloß aufklärend diesem Zwecke dienend) genügen wollen. Wir erkennen freilich darin ein Paradoxon und wollen wider aller entstehenden Dunkelheit hell ausleuchten, dass das rational-funktionale, in die formale Logik eingeschriebene Programm, d. i. die rational-funktionale Matrix, im Begriffe ist, sich aufzulösen. Wir weisen auf den allgegenwärtigen Hintergrund in der Gestalt wissenschaftlicher, methodologischer, syllogistischer, teleologischer und formallogischer Prinzipien hin, die das vollkommen technisierte und technikverliebte Selbstverständnis aller Industrienationen erklären und vor deren Gesetzen sich die okzidentale Welt zu einem Großteile (akut sind das vorrangig die Besitzenden) noch immer in den Staub wirft. Die rational-funktionale Matrix beginnt sich aber aufgrund der Feststellungen über die ungeheure Kraft zerstörerischer Dysfunktionen und krankmachender Auswirkungen (Long Term Konditionen) in jedem Lebens-Moment aufzulösen, in welchem erlebnisorientierte und gestaltpsychologische Individualprozesse zur „Geschichte“ einer Erzählung des Ganzen oder zum „Erleben“ in einer schöpfungsgeschichtlichen Kunstfertigkeit im Ganzen einer in sich selbst stehenden Person in factio sich auswachsen.

Sie nannten ihn Sitting Bull. Sein Name wurde ihm durch sein da-Sein und sein so-Sein in einer lebendigen Geschichte gegeben.

 

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