14. Mythische Gestalten bezeugen ihre Herkunft in komplexen Systemen der Kommunikation

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Zwar sind die grundlegenden Phänomene des menschlichen Daseins erst spät an ihre schriftlichen Formen verloren gegangen, (verfremdet, entfremdet), was Joseph Campbell Mitte des vergangenen Jahrhunderts an den Mythen, Symbolen und Chiffren amerikanischer Ureinwohner untersuchte, doch ist gesichert, dass orale Kulturen Werte und Wissen in mythologischer Weise, d. i. Geschichten sagende Weise, einträglicher und eigentümlicher erhalten und bewahren, weil diese Weise der lauthaften Ausdrucksweise eine zutiefst, seelische, interaktive und ein mystisches göttliches Wesen (den Geist) sprechende Weise der Weitergabe ist. Das wusste auch Tȟatȟáŋka Íyotake („Sich setzender Bulle“; 1831-1890), einst spiritueller Häuptling der Hunkpapa-Lakota-Sioux, dessen Name allein schon eine Geschichte erzählt, nämlich „sich setzender Bulle.“ Diese Geschichte spricht im „Du“ den Lebenssinn und die Identität unmittelbar aus.

Wie kontrovers die Mythologie  in den Wissenschaften diskutiert wird – wir diskutierten sie bereits andernorts als uns essenziell (streng genommen ist die Wissenschaft selbst eine Mythologie,: eine Sage vom Wissen), weil wir, um ein ganz persönliches Beispiel zu geben, selbst kochen und wir gehen gerne in dieser feinen Kunst der Zubereitung von Speisen in Hingabe und Leidenschaft auf, insofern der Geschichte jeweiliger Ingredienzien, beispielsweise einer Tomate oder einer Zwiebel, im Moment ihrer Zubereitung eine höchste Bedeutung zukommt. Der Grad der Anerkennung mythologischen Gedankenguts und der Streit um ihn, lässt sich leicht aus folgenden drei Zitaten herauslesen:

Platon, (gehörte sicherlich zu den Liebhabern von Öl, Wein und Feigen und wurde von einem Koch bedient, wie es seinerzeit in wohlhabenden Familien üblich war, ca. 320 v. Chr.): Sokrates zu Kallikles: „So vernimm denn, wie man sagt, eine gar schöne Geschichte, die du wohl für ein Märchen halten wirst, wie ich mir denken kann, ich aber für eine Geschichte. Denn was ich dir jetzt mitteilen will, das sehe ich als Wahrheit an.“ (Platon, Gorgias, 522B-523A)

Hegel, (aus wohlhabender Familie stammend hat gewiss niemals selbst gekocht, sagt ca. 1820) über Platon: „Ist das Denken einmal so erstarkt, um in sich selbst, in seinem Elemente sich sein Dasein zu geben, so ist die Mythe ein überflüssiger Schmuck, wodurch die Philosophie nicht gefördert wird. (Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Werke in zwanzig Bänden, Band 18, 1979, S. 108)

Campbell, uns ist nichts über die Essgewohnheiten des Sohnes irischer Einwanderer bekannt, doch Herz und Verstand haben sicherlich stets mitgegessen:  „Indeed, the first and most essential service of a mythology is this one, of opening the mind and heart to the utter wonder of all being. And the second service, then, is cosmological: of representing the universe and whole spectacle of nature, both as known to the mind and as beheld by the eye, as an epiphany of such kind that when lightning flashes, or a setting sun ignites the sky, or a deer is seen standing alerted, the exclamation “Ah!” may be uttered as a recognition of divinity. (Campbell, The inner Reaches of Outer Space, Myth and Body, XX)

„Der erste und wesentliche Nutzen einer Mythologie besteht tatsächlich genau darin, daß sie Herz und Verstand für das reine Wunder allen Seins öffnet. Und der zweite Nutzen hat mit dem Kosmos zu tun: die Mythologie stellt das Universum und gesamte Schauspiel der Natur, wie es der Verstand erfaßt und die Augen erblicken, als eine Epiphanie von der Art dar, wie wenn beim Aufleuchten eines Blitzes, beim Sonnenuntergang mit brennendem Himmel, beim Anblick eines wachsamen Rehs das Göttliche erkannt und’Ah‘ gerufen wird.“ (Campbel, Die Mitte ist überall, Mythos und Körper, Seite 21)

Versuchten wir noch zu Beginn des ersten Lehrstücks unter dem Aspekt der Verlorenheit zum Tode hin, unser Verhältnis zum Gegenwärtigen prosaisch zu diskurrieren, so gilt es nun, da sich schwerwiegende Bedeutungswandelungen unserer zwischenmenschlichen Beziehungen und unserer Affären mit Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart abzeichnen und sich die beiden richtunggebenden Aspekte Zukunft und Vergangenheit schließlich als die begrifflichen Knechte eines sagenhaften Mythos in Nichts aufzulösen scheinen, also sich womöglich überhaupt nicht, wie allzeit angenommen, verlässlich und lebensstiftend unserem ach so geliebten „Dasein-in-der-Zeit“ verdingen, schließlich die nehmenden, inneren Beziehungen zu fassen.

Den Tod verstehen wir im alltäglichen Gebrauche des Begriffs, als diametral dem Leben gegenüber: liegend. Das erklärt sich anscheinend wie von selbst. Nur wissen wir schon nicht genau, was Leben eigentlich ist. Wir wundern uns eher über es, als dass wir es verstünden. Wodurch wächst aus einem Korn die Ähre? Wie schmeckt eine Walderdbeere? Fliegt ein Vogel willentlich und vor allem: was fühlt er im Fliegen?

Gewiss: die Identitäten der Außenwelt sind Korn, Beere und Vogel. Gewiss auch: die Identitäten der Innenwelt sind ihrer isomorphen Gestalt nach Korn, Beere und Vogel, und stimmen insofern mit den Identitäten der Außenwelt überein, wenigstens theoretisch, so zumindest sagen es uns Gestaltpsychologen und verkapseln die Übereinstimmung der äußeren (realen, objektiven) Identitäten mit den an der Großhirnrinde entstehenden inneren Identitäten (interpretiert, kunstruiert) in den Begriff „Isomorphie“.

Wir werden im Weitern noch genauer belegen, dass dies freilich ein wissenschaftlicher Notnagel ist, ein ausgemachter, hausgemachter Blödsinn, kraft dessen, in Ermangelung ganzheitlichen Wissens, über den Status quo ante hinausgreifendes, unwissenschaftliches, rein spekulatives Wissen vorgegeben wird, allein mit dem Ziele, plausible Erklärung zu geben, um den marktstabilen, wissenschaftlichen Kodex psycho-medizinischer Systeme zu schützen und auszubauen und dem Geldgeber zweckdienliche Antworten nicht schuldig zu bleiben. Die Neurowissenschaftler verkabeln ihre Probanden, messen und vergleichen deren vegetative Reaktion als eine Probe, fernab seines willentlich beeinflussbaren, autonomen Nervensystems, Konstitution und Umweltbedingungen auslassend, abgeschieden somit vom Ganzen. So sind die Ergebnisse in keinem Fall ein Einfaches, auch wenn sie der Wirklichkeit sehr nahe zu liegen den Anschein geben, wie dies uns im Fall der Forschungen Wolfgang Köhlers (ein Nachschlag bei Wikipedia lohn sich) in zunächst scheinbar verblüffenden Studienergebnissen vorgeführt wird.

Doch ein Einfaches ist der Weisheit letzter Schluss allerdings auch in der Philosophie mitnichten. Das cartesianische cogito ergo trifft nicht, insofern wir tatsächlich, einmalig, praktisch, d. i. lebendig, und vor allem in symbiontischer Weise mit dem Gegenwärtigen sind (Köhlers „Takete“ und „Maluma“; Heideggers „mit-Sein“ in Abgrenzung zum „für-Sein“ in der Sorge). Bezüglich unserer Schale, aus der getrunken werden soll, bedeutete dies im oszillierenden Ein- und Auslassen, auf jene Gestalt in ihrer Urform zu gehen und ein in actio Trinken: wir halten also jene (Trinkschale in) beiden holen Hände(n), wir sehen sie in arkadischem Lichte und das erfrischende Quellwasser lässt uns freudvoll erquicken. Das Werkzeug ist, uns nun als nützlich Zeug zugleich, in actio, in unserer gemeinen Weise dem einzigen Ganzen entfremdet, bloß eine Ausformung des Geistes vom Ganzen; eine Ausformung von Durst (so wir ihn bekommen), von Quellwasser (wie wir es vorfinden), von holen Händen (wie wir sie benutzen), von Trinken (wie wir es erfahren). Die Trinkschale ist nun nimmermehr jene Schale, über die wir gerade noch, als ein auf dem Tisch stehendes Gefäß, reflektierten. Ein Satz (z. B. cogito ergo sum) gilt grundsätzlich nicht, solange wir ihn bloß denken.

 

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