13. Einlassung und Auslassung ist die demiurgische Hauptregung des Nous

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Bevor wir in den Fluss unserer Stoffsammlung wiedereintreten, seien einige Bemerkungen zur Wahl der Überschrift dieses Kapitels nicht weggelassen.

Wir können leicht die verwendeten Begriffe in Lexika recherchieren und eine ganze Menge diverser Erklärungen über sie nachlesen. Diese seien hier also nicht noch einmal wiederholt. Aber in unserem Verständnis des Begriffes „Nous“, [nûːs], gibt es einige Belange, die für uns von Bedeutung sein könnten.

Anaxagoras will bereits etwa 450 v. Chr. den Nous (νοῦς) nicht als einen Schöpfergeist sehen, der bei Ausübung seiner Schöpfungskraft den Gebrauch eines Prinzips vom „Besten“, oder eines „Gut“ (wie etwa Aristoteles 100 Jahre später) erkennen lässt. Wir sind ihm [dem Anaxagoras] hierin besonders zugeneigt. Wenn er etwa eine teleologische Ausrichtung des Wirkens des Nous verneint, er den demiurgischen (schöpferischen) Wirkungen vielmehr Kräfte der Trennung und Identifikation sowie der Wandelbarkeit der Dinge ein denkt, anstatt von ihnen ein Entstehen und Vergehen abzuleiten und wenn er den Nous mal in der Seele, mal in seinem Denken verortet, finden wir darin in vorzüglicher Weise unsere eigenen Gedanken wieder. (vgl.: Aristoteles über Anaxagoras, Von der Seele, I 2. 405a; Klaus Corcilius übersetzt in der Felix Meiner Ausgabe νοῦς als „Vernunft“, Wilhelm Capelle in der Alfred Kröner Ausgabe selbigen an gleicher Stelle als „Geist“. Je nach dem Grade des Zugeneigt Seins erkennen wir deutliche Interpretations- und Gewichtungsunterschiede, die freilich noch genauer untersucht gehören. Capelle kommentiert beispielsweise in einer Fußnote an anderer Stelle den νοῦς als: „ein Wort, das ganz eigentlich die Denkkraft, einschließlich des Planes und der Absicht, bedeutet.“)

Eine weitaus größere Nähe zu Anaxagoras erkennen wir darüber hinaus in seiner grundsätzlichen Unterscheidung von Geist und Materie, in der wir die Markierung eines vortrefflichen Anfangs in der Geschichte des menschlichen Denkens und einen starken Antrieb intellektueller, selbsterkennender, menschlicher Selbstreflexion schlechthin erkennen, zu der wir, allerdings nicht in diesem Stücke, zurückkehren wollen, und die wir, freilich selbige durchdringend, auf ihr Gegenteil hin, nämlich als die Einheit von Geist und Materie und eben nicht gemäß ihrer Teile, im Sinne eines hier erörterten Ganzen in Zeitlosigkeit, untersuchen wollen. Entscheidend für die Erwähnung der Denkweisen des Anaxagoras, hier, an dieser Stelle, ist die Ausgabe seiner differenzierenden und identifizierenden Erfahrungen, wie sie ihm im Laufe seines Lebens, aus seinem gesellschaftlich-mythologischen Kontext heraus, zugewachsen sein mussten, und wie sie ihm derselbe gesellschaftlich-mythologische Kontext höchstwahrscheinlich auch abverlangt haben mochte.

Die Klangfülle der Apperzeptionsweisen eines Individuums ist variabel, dynamisch und wegen zunehmend differenzierender Erfahrung auch zunehmend divergent, weil sich unsere Konstitution additiv, mit jedem weiteren Verstandes- oder Erfahrungszufluss aus- und weiterbildet und sich vom „Anderen“ abhebt, sich also – das sei zunächst und ohne empirische Gewissheit behauptet – mehr und mehr gegenüber jener Konstitutionen der „Anderen“ spezialisiert (entfremdet). Die Arten und Weisen der Entfaltungen (Präsentationen) des Nous sind also nicht, einfach so, divers, da sie ansonsten, wegen der gesellschaftlichen Zugefügigkeit, d. i. das Moment, dem die Menschen als soziale Einheiten in konditionierter Anpassungsfähigkeit, bzw. in gemeinschaftlicher Abhängigkeit, den einhergehenden Konformitätsneigungen innerhalb der gesellschaftlichen Klassen und Gruppen, denen sie angehören, rein äußerlich nachgeben, uniformer würden. Gestützt durch den Hang zu Bequemlichkeit und Sicherheit würde die Zugefügigkeit, jetzt als Einbettung in ein den Einzelnen tragendes Ganzes, zur Dominanten der gesamten Intentionalität des Individuums, das freilich gegen seine eigene Unterwerfung nur in jungen Jahren rebellierte.

Der Arten und Weisen des Nous gibt es, wie gesagt, gerade so viele, wie es Menschen auf der Erde gibt und diese sind, auf die individuelle Lebensgeschichte genommen, in ihrer ganz persönlichen Art und Weise Weltanschauung auszubilden, geradeso einmalig, wie es der Abdruck ihrer Zeigefinger ist.

Vorstehendes spielt zwar gegen alle Konventionen, die uns ein friedliches Miteinander und überhaupt ein gegenseitiges „Verständnis“ ermöglichen, wird aber durch besagte Zugefügigkeit nur zum Schein (von Freiheit) berührt. Die Weisen des Nous wesen im Stillen und befinden sich im inneren Dialog mit sich selbst über die Welt da Draußen und das Leben ihrer Träger in ihm – und bloß von Gelegenheit zu Gelegenheit kommen sie sendungsvoll zum äußerlichen Ausdrucke und somit zur Erkenntnis.

Die Gesamtkonstitution, d. i. die gesamte Lebensgeschichte, alle Lebenserfahrung und der stets in Entwicklung sich befindliche Lebenssinn zusammengenommen, spiegelt sich in der Nous wider und geht wesentlich in die prädisponierte Konditionierung der Qualität von Einlassung ein. Vereinfacht aufs Textbeispiel genommen: wären wir skeptisch, desinteressiert und verschlossen, täten wir womöglich das Gedicht ab als Quatsch, Schlechtigkeit, Unsinnigkeit oder sonst als etwas Verworfenes. Aus der Annahme würde eine Ablehnung, aus der Einlassung eine Auslassung. Zeigten wir uns hingegen wohlwollend, einfühlend und offen, so hörten wir womöglich einen wunderbaren Gesang über die göttliche Physik des Wassers oder eine Erzählung über die menschliche Handwerkskunst, die das Fließende, das das Wasser in so wundervoller Weise an sich hat, so und so zu bändigen sucht. In der Einlassung würden die Sphären des Dichters, seine Absicht, seine Kunst, usw. erahnt, interpretiert und nachgezeichnet und sie gäben die Gelegenheit, des Dichters Weisen nachzuempfinden. Wären wir voller Überschwang, euphorisch, so dichteten wir den Wassern womöglich eine Weihe an, sprächen es gar einer Mythologie oder einem altertümlichen Kult folgend insgeheim heilig und trügen die Weisen in unsere alltäglichen Handlungen und Zeremonien ein. So würde aus der Einlassung eine phantastische Erweiterung oder eine Täuschung des Bewusstseins und eine Wandelung des Lebens ermöglicht und sogleich folgte die nächste und die nächste und die nächste, nicht zeitlich, nicht räumlich, sondern auf den Erfahrungszuwachs E+ genommen: „im genetisch nach oben fließenden Fluss“.

Nun, die bislang unternommenen Gedankenübungen sind nichts Neues, vielmehr sind sie uns das Fragen nach den grundlegenden Phänomenen des menschlichen Lebens, des Staunens und des Wunderns, schlechthin und von Anfang an.

 

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