12. Wirkungen eines Exterieurs im Habitat unseres singulären Geistes

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

Geben wir uns zunächst ein poetisches Beispiel, das auf unser Gemüt zielt und eine Menge anschauliches Material (Daten) vorzeichnet und zur Einlassung sendet (gibt). Dabei wird freilich eine weitaus größere Menge Material in Auslassung zurück gehalten, kommt also gar nicht zum Ausdruck, sodass die geistige Phantasie zu des Sinnes vervollständigenden Ergänzung der Metaphern angeregt wird. So wird in folgendem Gedichte einiges über die geistige Beweglichkeit bei der Ausformung einer Charakteristik isomorpher Gestalten erzählt, ohne den Gegenstand in dessen Konkretion genauer zu beschreiben:

*

Die schönste Schönheit halte ich in meinen beiden Händen

Ihre leuchtenden Farben erwärmen beredt meine Seele

Ewige Natur erscheint mir in vollkommener Form

Ihr heller Klang rieselt durch den Kosmos

Sie macht mir Freude – diese Kunst

Die Trinkschale

*

Lang schon dürstet mich an reinster ungetrübten Quelle

Nach verlockender Schönheit tief im Brunn gefangen

Bei meiner Lippen trinkenden Begegnung

Ist diese Liebe mein ganzes Begehren

Und erfüllt mir seine Bestimmung

Das klare Wasser

*

Lässt man sich auf diesen Text ein, beziehungsweise nimmt man sich dieses Textes an, so geschieht Wunderbares und Wunderliches gleichermaßen. Mit lediglich ein paar aneinandergereihten Worten, sind wir auf beeindruckende Weise, so oder so gerührt. Etwas in uns, wird im Lesen mehr oder weniger angeregt: eine Melange aus Erinnerungen, Vorstellungen, Gefühlen wird wachgerufen. Das „Gelesene“ wird dechiffriert, es erklärt sich; es provoziert diverseste Assoziationen und stimuliert Sinnfälligkeiten in phantasievoller Zuschreibung der einen oder anderen Bedeutung, dies womöglich weit über seinen ursprünglichen Gehalt hinaus: der Annehmende interpretiert.

Unter einer Lesart verstehen wir die Weise, in der wir Erlebnisse und Wahrnehmungen, die uns chiffriert, z. B. in Form eines Textes, übermittelt werden, apperzipieren, d. i. bewusst erfassen und zwar in bloß der je einen, einzigartigen Weise es uns möglich ist – gemäß unserer gesamten Konstitution.

Die Einlassung, das Einlassen und das Eingelassene selbst sind also in einem Fließen durch und durch nach unserer individualen Art bestimmt, nicht etwa faktisch, durch das Objekt selbst. Hier tritt u. E. bereits in eindringlicher Deutlichkeit die Auflösung der Subjekt-Objekt-Problematik ins Lichte unserer wissenschaftlichen Anschauungsweise. Dies geschieht noch nicht einmal unter Einbeziehung einer denkbaren interpersonellen Relation zwischen Leser und Autor, (z. B. bei einer Lesung, oder der Autor kennt den Leser persönlich, schreibt womöglich für ihn), oder noch weiter gefasst einer Face-to-face Relation, die sich aufgrund der beidseitig aktiven Kommunikation freilich in unfasslicher Komplexität vollzöge.

Hier also richte sich unsere Beobachtung rein auf den Akt des Interpretierens, dem erstens eine Textierung des Verfassers vorausgeht, (verweist auf den Expedienten, Text stammt von …), zweitens der Text tatsächlich perzipiert wird und in dem er drittens apperzipiert wird, ihm also eine innere, seelische, gefühlsmäßige Regung oder ein Verständnis zukommt, ungeachtet dessen, welcher Art nun ein solches Verstehen wäre. Die Ermittlung einer Lesart müsste zunächst einmal perspektivisch auf zwei Relationen gehen:

1. Rezipient >< Apperzeptionsmöglichkeit >< Gehalt

2. Gehalt >< Chiffrierung >< Textform

Variabel freilich sind die Apperzeptionsmöglichkeiten diverser Leser, da sie, wie oben ausführlich gesagt, diverse Lebenslagen „mitbringen“ (Prädestination) und diese die Deutung des Textes und die Apperzeptionsweise selbst mit „modellieren“. Auch die Codierungs- und Encodierungsfähigkeiten hängen von den Lebenswelten der Leser ab und sind variabel (der Text könnte vom Griechischen her übersetzt sein, der Leser könnte jemand sein, der nur schlecht Deutsch spricht). Doch wir alle wären schnell mit dem Urteile zugange, dass der Text, so, wie er da steht, als ein gleichbleibender dasteht, also als eine beharrliche Form. Obschon, die Frage drängt sich auf, ob der Gehalt des Textes selbst, bei unterschiedlicher Lesart, tatsächlich derselbe bleibt, oder ob er je nach individueller Ausprägung von Kunstfertigkeit sinnlicher Anschauung und diverser Lebenslagen von Lesart zu Lesart sich selbst entsprechend wandelt und ein anderer wird? Kann dieses Erotema überhaupt so gestellt werden? Bleibt tatsächlich bloß die Varianz persönlicher Interpretationsweise eine Antwort schuldig?

Die Weise einer Auflösung der Subjekt-Objekt-Problematik und im selben Zuge der relationalen Begrifflichkeiten der Ontologie, kann als ein Angriff auf das Sächliche des „Es“, gedeutet werden. Dies kann freilich nicht unsere Absicht sein, denn unsere ganze Intention ist es ja gerade jener Verdinglichung, jener Versachlichung des Ganzen ein Expansionsvermögen einzuverleiben, das eine jede Es-Form als eine inkarnierte, wesenhafte, sendungsstarke Gestalt zum Verstande gibt, die in ihrer sinnlichen Anschauung als eine lebendig dialogische Form einer nunmehr zwar bloß noch sprachlich verwendeten, aber wesentlich als ein liebendes Du der dritten Figur fungiert. Dies geben wir als bidirektionale Relation zum Verständnis, d. h. nicht bloß ich liebe eine Sache, gebe mich ihr hin, sondern die Sache liebt auch mich, sie, beispielsweise ihre Schönheit, nimmt mich ein. Im emotionalen Zwiegespräch kommt uns ein solches, mit Wesen belegtes, personalisiertes Es, als das einer besonders sendungsstarken Sache zugewandte „Du“, schon eher bekannt vor. Erinnern wir uns an unsere Selbstgespräche: „Du bist mein geliebtes Tagebuch, dir kann ich getrost all meine Geheimnisse anvertrauen.“ Oder: „Du bist mein nigelnagelneues Fahrrad, putzen werde ich dich einmal wöchentlich.“ Und noch ein berühmteres Beispiel: „Dich mag ich am liebsten.“

Wir wissen im Stillen, dass das liebende „Du“ dem strahlend lebendigen Wesen eines „Es“ zufließt, das Gegenständliche bloß sprachlich einbindet und eine Antwort auf das Ganze ist, mal mehr, mal weniger bewusst, fließend erscheinende Gegenwärtigkeit, ganz und gar außerhalb jeder Zeit.

Sie sehen, was also ihre Lesart zeigt: was sie ist, wie sie ist: Unsere Verfassung zum Ganzen (in der wir expedieren), darin unsere gesamte Anschauung vom Ganzen (in der wir perzipieren), die vom Tage unserer Geburt an durch die einzigartige, ganz persönliche Erlebens- und Erfahrungsgeschichte unseres an Diversität (die Andersartigkeit gegenüber des „Anderen“) zunehmenden Lebens, in unsere Persönlichkeit eingeschrieben, herausgebildet und weiterentwickelt wird, findet sich in den individual totalen Unterschieden unserer physiognomischen, psychosozialen und soziokulturellen Ausprägungen wieder. Diese Prägungen sind nichts anderes als das Habitat unseres je einmaligen Geistes.

Der Arten und der Weisen, in welchen unser Geist das Rezipierte antizipatorisch der Heimstatt desselben zuweist oder abweist, annimmt oder ablehnt, gibt es so viele, wie es Menschen auf der Erde gibt; sie sind je zeitlebens Bestandteil ihrer individuellen Sozialgeschichte und im sozialen Kontext ausgebildet und erarbeitet worden, gemäß der uneingeschränkt einmaligen Ausprägung der persönlichen Kunstfertigkeiten sinnlicher Anschauung. So lesen 1000 diverse Leser 1000 diverse Gedichte aus ein und derselben Form heraus, bzw. in diese hinein. Es wird jedem Hörer und Leser, der die obenstehenden Verse einmal zu seiner Kenntnis genommen hat, unmöglich sein, sie ein zweites Mal in derselben Weise zu lesen und zu interpretieren, da es ihm nun bekannt ist. (Lesen wir es doch noch einmal und machen wir die Probe.)

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis oder zum nächsten Kapitel

^

0 comments on “12. Wirkungen eines Exterieurs im Habitat unseres singulären GeistesAdd yours →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.