11. Wirklichkeit ist der Sinn des Ganzen im Moment der Vergewisserung

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

In Ermangelung einer anderen Ausdrucksmöglichkeit, als die der sprachlichen Chiffrierung, sehen wir uns an dieser Stelle ein wenig genötigt, diese, trotz ihrer großen Schwäche, mit dem Unsagbaren an den Rand des Transzendentalen zu geraten, wissbegierig in Anwendung zu halten und vielmehr nicht zu resignieren. Wir tun dies also nicht ganz freiwillig, obschon die Gangart an sich keine beschwerliche zu sein scheint, und warum also sollten wir eine solche nicht angeschlagen haben, wo sie doch die gebräuchliche, erfahrungsgemäße, bequeme zu sein scheint. Folgen wir also – dem Wahrheitsgehalt unserer Überlegungen auf der Spur bleibend, in seichteres Fahrwasser manövrierend und Acht gebend, nicht auf Grund zu laufen – noch ein ganzes Stück diesem Weg, so werden wir uns über kurz oder lang der Frage nach dem „Sinn des Ganzen“ konfrontiert sehen, genauer: nach dem Zwiefältigen des alles Seiende antreibenden, des den Anschein einflößenden Sujet: das Nehmende und das Gebende.

Doch um dorthin zu gelangen, müssen wir den bereits angesprochenen, zahllose Initialen konspektierenden Begriff ins Objektiv nehmen: nämlich den Sinn, mit welchem auf die eine oder andere Weise ein Verlangen korrespondiert, dessen phänomenale Entfaltungen gar „seelische Bedürfnisse“ seitens seiner Rezipienten nachkommt und wie sich dieser denn überhaupt zu einer geistigen, vielmehr ganz unsinnlichen Erkenntnis bringt.

Ausgehend von Gegenwart und dem darin Gegenwärtigen, also ausgehend von einer Zeitlichkeit der „Wirklichkeit“, müsste „wirkliches“ Dasein, d. i. „Seiendes in Wirkung auf“, also immer in seinem zeitlichen Verlauf verhandelt werden, denn in einem Stillstand kann es keine Vermittlung geben. Innerhalb eines solchen sinn- oder ergebnisorientierten Zusammenhangs, würden Aktion und Reaktion eine vorgefasste Erwartung, bzw. Erfahrung kreuzen, die sich entweder bestätigte oder nicht bestätigte. Aus beiden Fällen ließe sich eine Ausbildung unseres Urteilsvermögens folgern, aus der letztlich unsere Bestimmtheit resultierte. Stimmt, stimmt nicht; geht, geht nicht; ist wahr, ist nicht wahr; ist ehrlich, ist unehrlich; ist gerecht, ist ungerecht; usw. Wir würden auf diesem Wege gewiss die Tugenden und ihre Findung auf aristotelischem Wege nachzeichnen, sie kategorisieren und ihre Mitten gewiss in einer Ethik subsummieren wollen. Aus der Verlässlichkeit unseres Gedächtnisses und Urteilsvermögens, denn es wird ja je und je erneut auf die Probe gestellt, würden wir die Sicherheit über unsere Handlungsentscheidungen gewinnen. Dies ist der wesentliche Grund, warum wir bei der Verrichtung alltäglicher Dinge üblicherweise der Überzeugung sind, dass Wirklichkeit in der Zeit „sich ereignet“ und dass das meiste an ihr sinnlos (zwecklos) sei. Wir vergewissern uns aber – auch in Bearbeitung jener Vortäuschung der sogenannten „Wirklichkeit“ – nicht unter denselben Aspekten der Kunstfertigkeit sinnlicher Anschauung, unter welchen wir gezwungen wären, der gleichen formalen Logik zu folgen, weil die beiden Aspekte der Zeitlichkeit sich, tautologisch der Gegenwart gleichkommend, wie diese, an sich selbst verlören, sondern wir vergewissern uns des Sinnes rückbezüglich auf unsere Erfahrung und unsere Geschichte, die im Moment der Erzählung und nur in diesem, gerade nicht zeitlichen, vielmehr total potentialen Moment, d. i. das Moment gemäß den Definitionen in Teil 1 unserer Ausführungen. Wir suchen geradezu seh-süchtig diesen Ort der Vergewisserung als den Ort von Sinn auf, um eben in ihm die so sinnerfüllte Gewissheit von Gegenwärtigkeit, in der wir selbst uns „befinden“, bzw. uns „vorfinden“, zu finden. Wir finden ihn (den Sinn) in der Tat rein sächlich, in actio, nur im Moment der Vergewisserung ist Sinn erfüllt. Hier liegt die Annahme nicht fern, dass die Wirklichkeit im Moment des Erlebens bereits erzählt ist (für Kant eine Undenkbarkeit – wir kommen gleich auf ihn zu sprechen). Aus diesen Gründen wollen wir innerhalb der Struktur gebenden Prozesse selbst suchen, denn die sinnstiftenden, mentalen Befähigungen, also die Kunstfertigkeiten des Menschen, scheinen u. E. den Prozessen insgesamt inhärent zu sein und werden deshalb erst im Zusammenhang von Gewahrwerden und Gegenwärtigem als eine durch beides erfahrbare (das verdankt sich allen Kunstfertigkeiten des Menschen) isomorphe Struktur, eine zusammenhängende Existenz, ein innen-außen-Ding, ein In-sein und Da-sein generiert, man könnte auch sagen, sie sind erst durch das sinnliche „Vermögen“ des Gebenden und Nehmenden „irgendwie im Ganzen gegeben“. Ein Unterschied zwischen Gewahrwerden und Erzählung scheint – auf die nehmende Weise bezogen – bloß im Grad der Abstraktion zu liegen, also zwischen Unmittelbarkeit und Mittelbarkeit. Campbell zitiert in diesem Zusammenhang den Indologen Heinrich Zimmer, der es sich im Anfang des vergangenen Jahrhunderts zur Lebensaufgabe gemacht hat, das indische Dasein, die indische Mythologie und Inder auf ihrem Weg zum Selbst, zu verstehen: „Mein großer Lehrer und Freund vergangener Jahre, Heinrich Zimmer (1890-1943), sagte gern: ‘Das Beste läßt sich nicht mitteilen: das Zweitbeste wird mißverstanden.‘ Die zweitbesten Dinge werden mißverstanden, weil sie im Bereich des Poetischen Metaphern dessen sind, was nicht mitgeteilt werden kann, und daher im Bereich des Prosaischen fälschlicherweise als etwas aufgefaßt werden, das auf greifbare Tatsachen verweist. Die anklingenden Botschaften verschwinden deshalb in den Symbolen, die Elementargedanken in ortsgebundenen, »völkischen« Abwandlungen. Im allgemeinen Bewußtsein, das jene Metaphern der Transzendenz nur aus den Ritualen und Sagen des lokalen, mythologisch inspirierten Steuerungssystems kennt, bleibt der gesamte Sinn der Symbolik zwangsläufig an die lokalen praktischen Absichten und ethischen Ideale gebunden.“ (Campbell, Die Mitte ist überall, Seite 25)

 

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