1. Einleitung

Lehrstück über Isomorphie und das Phänomen Trinkschale

[Vorbemerkung: Im Folgenden meine ich bei Nennung des Pronomens „wir“ alle meine eigenen Sinne und meinen eigenen Verstand zusammengenommen, ich bezeichne diese hi und da auch als „meine Leute“, mit welchen ich fortwährend im Gespräch bin. Dies, um eine geistige Regung im Stillen überhaupt vernehmen zu können, ist Voraussetzung und unerlässlich. Wie dieser innere Prozess vonstatten geht, wird ein zentraler Punkt des 3. Teils der Vorlesungen zur Stoffsammlung einer Philosophie sein müssen. Benutze ich dieses Pronomen im Sinne der Gemeinschaft mit anderen Personen oder zur Beschreibung einer für gewöhnlich gehaltenen Eigenschaft von Menschen in allgemeinem Sinne, so weise ich explizit darauf hin. 
Die in eckigen Klammern […] gesetzten Textstellen sind vom Autor nachträglich eingefügt worden.]

Im ersten Teil, „Lehrstück über Weltreligion und das Phänomen Walderdbeere“, der dreiteiligen Stoffsammlung zu einer möglichen Philosophie, deren Titel zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben ist, (in Erwägung stehen: Einführende Untersuchungen über die Zeitlichkeit oder Die äußere und innere Qualität von isomorphen Denkstrukturen), hatten wir die Gegenwart und in ihr alles anscheinend Gegenwärtige auf eine hyperbolische Weise komprimiert, so, dass wir in Anschauung jener mächtigen Kompression, die einer Präsentation gleichkommt, in der alle denkbaren Momente „eingefroren“, und der sogleich die nächste und die nächste, usw. folgt, alles Kommende, alles Zukünftige durch ein „Zeit-Fenster“ vom Diesseitigen hinüber in ein Jenseitiges stürzen sahen. (Vgl.: (Baumann, 2020))

Dieser „einfache“ Sturz erwies sich nach genauerer, analytischer Betrachtung als eine imperative Generalkategorie der Art und Weise des Seins, die da lautet:

Alles (das Dasein) verliert sich an sein Nichts (das Gewesene).

Hierbei wurde der Begriff, „sich-verlieren“, tatsächlich als eine Auflösung des „Gegenständlichen“, d. i. Es ins „Gegenstandslose“ erschlossen, nichts ist.

An die Herleitung jener Generalkategorie sei mit den folgenden syllogistischen Schlussfolgerungen noch einmal in aller Kürze erinnert:

Insofern Zukünftiges vor uns liegt und es weder Vergangenes noch Gegenwärtiges sein kann, also demzufolge noch nicht ist, gilt:

1. das Kommende ist nicht gegenwärtig.

Insofern Gewesenes hinter uns liegt und es weder Zukünftiges noch Gegenwärtiges sein kann, also demzufolge nicht mehr ist, gilt:

2. das Vergangene ist nicht gegenwärtig.

Insofern wir schließlich Gegenwärtiges prozesshaft als zwischen Zukünftigem und Vergangenem verorten, gelten für das dritte Gesetz folgende Argumente hinreichend:

Je kleiner wir den Zeitabschnitt festsetzen, in dem wir Gegenwart zu ermitteln beabsichtigen, desto mehr gerät die „Präsenz“, d. i. Es des Gegenwärtigen unter Pression. Fassten wir Gegenwärtiges allerdings als „es-Erfahrung“, als Vollzug eines diffusen gegenwärtigen Geschehens qua einer „gefühlten Weile“ auf, so wären wir in etwa aus der Bredouille, denn es läge zugegebenermaßen auf der Hand, dass das Gegenwärtige wenigstens in einer „Wirkung“ irgendwie gegenwärtig sei. Schnell gelesen, klingt das zunächst profan, denn es scheint ja erst einmal ganz natürlich, weil wir immer schon davon ausgegangen sind, dass das Gegenwärtige erst einmal „wahrgenommen“ geworden sein müsse, so Es denn im Anschluss überhaupt erst gegenwärtig sein könne. Streng genommen wäre, so gedacht, der Akt sinnlicher Wahrnehmung bereits einer der aktiven Grundzüge der Genese von Isomorphie. Wozu sonst redeten wir jederzeit ohne Weiteres über Gegenwärtiges, wenn nicht als über ein Suppositum als „Wahrgenommenes“, „Bestimmtes“, auch „Unbestimmtes“, als „Vorhandenes“, „Vorhergesagtes“ oder „Vermutetes“, von etwas also, das immer auch auf ein Suppositorium, d.i. ein Unterstelltes, ein Untergesetztes, geht, nämlich die „Erfahrung“, die „Erinnerung“ und das „Wissen“ – doch dazu kommen wir im Folgenden noch genauer zu sprechen.

Wenn wir uns allerdings zunächst, aufgrund hinreichender Methodik und der in ihr mitgelieferten ordentlichen Gewissenhaftigkeit, aufgefordert sähen, Gegenwart, und zwar in ihrer Abgrenzung, d. i. als Unterschied zu Vergangenheit und zu Zukunft, auf einen kleinstmöglichen Zeitraum zu verengen, indem wir etwa auf einer gedachten Zeitachse die Zukunft von rechts und die Vergangenheit von links gegen ein „Jetzt“ vorrücken lassen, so müssten wir angesichts eines unendlich dünnen, verbleibenden Strichs, der auf dieser Achse den „Zeitraum“ der Gegenwart markierte, zu dem keineswegs überraschenden Schluss gelangen, dass eine begriffliche Erklärung, wie wir eine derartige in ihrer Simplizität sowohl der Zukunft als auch der Vergangenheit dedizieren konnten, als solche überhaupt nicht gegeben werden kann. Dies Letztere, schlussfolgerten wir in ein und demselben Zuge. Mithin ist das 3. Gesetz durch den Wahrheitsgehalt des ersten und zweiten bereits hinreichend gegeben, obschon es die Frage aufwirft, was das Gegenwärtige in der Gegenwart, bzw. was die Gegenwart im Gegenwärtigen an sich – an dessen Statt – nun eigentlich sei. Im Typus einer auf die vorgestellte Weise angesetzten Logik muss also der dritte Satz vollumfängliche Gültigkeit besitzen:

3. das Gegenwärtige ist nicht gegenwärtig.

Die Gesetze 4. und 5. sind in diesem methodologischen „Denk-Werk“ hingegen belanglos; sie seien, der Vollständigkeit halber, nicht weggelassen:

4. das Zukünftige ist zukünftig, es ist weder gegenwärtig noch vergangen.

5. das Vergangene ist vergangen, es ist weder gegenwärtig noch zukünftig.

Was also meinen diese Begriffe eigentlich: „Gegenwart und Gegenwärtiges“?

Und wie also liegt das „Zeitliche“ in diesen Bezeichnungen?

Was auch immer wir noch unter Gegenwart mit Blick auf die vorläufig einführenden Denkversuche verstehen mögen, insofern wir naturwissenschaftlicher und hier insbesondere der den physikalischen Gesetzen zugrunde liegenden Teleologie folgen, fällt die Gegenwart exakt dort in sich zusammen, wo Zukünftiges und Vergangenes aneinandergeraten. (Wie wir noch sehen werden, fallen genau an dieser Stelle „Zeit“ und „Raum“ in sich zusammen.)

Physikalisch wäre Gegenwart schlicht ein beliebiger „Zeitraum“, in welchem sich ein Geschehen vermessen lässt. Versuchen wir – parallel dazu – einen Angang vom Ende her mit Hegel. Dieser sagt: „Das Endliche hat einen Anfang, dieser Anfang ist aber nicht das Erste; das Endliche ist selbständig, aber diese Unmittelbarkeit ist ebenso beschränkt. Verlässt die Vorstellung dies bestimmte Endliche, welches ein Vor oder Nach hat, und geht zur leeren Vorstellung der Zeit über oder zur Welt überhaupt, so treibt sie sich in leeren Vorstellungen, d. i. bloß abstrakten Gedanken herum.“ (Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, Die Naturphilosophie, §247)

Übersetzen wir Hegel in die Wissenschaftlichkeit der Physik, so gewinnt diese „in leeren Vorstellungen“ im abstrahierten „Auseinanderfallen“ von Raum und Zeit zwar ihre Gesetze der Mechanik, usw., worin Gegenwart, bekannter maßen, ein beliebiges Zeitintervall ist, das je nach Betrachtung, je nach technischer Möglichkeit  passend hin-gedehnt oder her-verkürzt werden darf. [Z.B.: der Blick durch die Linse einer Kamera, die in Superzeitlupe den Aufprall eines Wassertropfens filmt: dieser zur Anschauung gebrachte Zeitabschnitt des Aufprallens kommt in der Natur überhaupt nicht, vielmehr nur bei Verwendung einer speziellen Technik vor.] Auf diese Weise kommt in jedem Experiment ein untersuchter „Spezial-Fall“ vor die Linse und diesem ein laboriertes „Erstes“ in einem Versuchsanfang und ein „Letztes“ in einem Versuchsende zu; in also jedem wissenschaftlich (technisch) untersuchtem „Fall“ gibt es empirische Gegenwart nicht. Das weiß natürlich die Naturwissenschaft, denn sie hat in vielen Teilen ihrer Disziplinen mit derartigen Antinomie- und Legitimationsschwierigkeiten zu kämpfen, wobei ihr Gegenpart, die Philosophie oder besser die Metaphysik, stets wohlwollend Rede und Antwort zu stehen, auch nicht immer in der Lage ist. Der noch junge Hegel beispielsweise verquickt zwar Raum und Zeit, indem er beides von einem fünften Element, des Äthers (die „Quintessenz“) ableitet und daraus schließt, dass das eine das Erzeugen eines ganz Anderen sei (vgl.: Hegel, Vorlesungen, Bd.16, Seite 205), verabschiedet sich dann aber im Verlaufe seiner philosophischen Reifung von dieser (aristotelischen) Elementenlehre, die u. E. eigentlich schon in Platons ontologischer Ideen-Lehre vorgestellt worden ist, in der nämlich in einer kunstvollen Anamnese auf entsprechende Elemente unwandelbarer Entitäten, d. s. reine Erkenntnisse des Denkens, zugegriffen wurde, dies nur am Rande; schade eigentlich, denn dieser ganzheitliche Ansatz hätte womöglich mit Schellings Naturphilosophie, („Man muß sich zur intellektuellen Anschauung der Natur erhoben haben, um dies [die Selbstkonstruktion] zu begreifen.“, so in: F.W.J. Schelling, Sämtliche Werke, Stuttgart: Cotta, gedruckt 1856, geschrieben 1801 in Abteilung I, Band 4, Seite 97), als ein spekulativer Vorstoß in die Genese des gestörten Verhältnisses von Mensch und Natur (Umwelt) gelingen können.

Der wissenschaftsphilosophische Zusammenschluss der eingangs deklamierten Gesetze über die Zeit muss seit spätestens der antiken Philosophie einen grundlegenden inneren Widerspruch aushalten. Dieser innere Wiederspruch, mit dem die Zusammenfassung des ersten Teils abgeschlossen ist, muss also folgendermaßen als Paradoxon, wenn auch – aufgrund der Ausgrenzung aller empirischen „Erfahrung“ – in bloß notwendiger Weise, formuliert werden:

Das Gegenwärtige ist weder Zukünftiges, Vergangenes, noch Gegenwärtiges.

Entsprechend gilt:

Gegenwart ist weder Zukunft, noch Vergangenheit, noch Gegenwart.

 

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